Um die siebente Stunde ritt den Hügel von Frénois der französische General von Reille heran, tiefen Ernst in dem gebräunten Antlitz. Es war eine erschütternde Kunde, die er brachte: Kaiser Napoleon legte seinen Degen nieder in die Hand des Königs Wilhelm. In tiefer Bewegung las dieser die kurzen, inhaltschweren Zeilen des besiegten Gegners seinem Gefolge vor, und in Erschütterung und schweigend standen sie alle. Selten wohl hat die sinkende Sonne ein solches Bild beleuchtet: den greisen König, umgeben von deutschen Fürsten und Führern, der, auf einer umgestürzten Pflugschar sitzend, seine Antwort auf dem Rücken seines Adjutanten schrieb, indessen abseits in würdiger Resignation der französische Parlamentär harrte, während nicht lange danach der mit der wunderbaren Nachricht durch das ganze Heer fortschreitende, lawinengleich anwachsende Jubelruf zum Himmel jauchzte, der gerötet war von brennenden Ortschaften und von den Freudenfeuern, die weit ins fremde Land hineinleuchteten.

Für Bismarck wie für Moltke und manchen anderen brachte die kommende Nacht keine Ruhe. Es galt, mit dem General Wimpffen die Kapitulationsbedingungen festzusetzen, und auf den Wunsch seines Königs wohnte der Kanzler den Verhandlungen bei.

Im Erdgeschoß des Schlößchens von Donchery saßen die ernsten Männer in schweigender Nacht beisammen.

»Die französische Armee ist kriegsgefangen einschließlich der Offiziere, mit Waffen und Gepäck, doch sollen den Offizieren ihre Degen bleiben!«

So lautete Moltkes ruhig-feste Bedingung, und vergebens bemühte sich Wimpffen, eine günstigere zu erreichen. Er mahnte daran, wie man durch milderes Entgegenkommen sich die Dankbarkeit des französischen Volkes gewinnen würde, durch Härte aber dessen unauslöschlichen Haß heraufbeschwören müßte.

Im Antlitz Bismarcks zeigte sich Erhebung, er hob das mächtige Haupt und sah dem französischen General fest ins Gesicht, als er ihm erwiderte:

»An die Dankbarkeit des französischen Volkes vermögen wir nicht zu glauben, weil es keine dauerhaften Einrichtungen, keine Verehrung und Achtung vor seiner Regierung und seinem Fürsten hat, der fest auf seinem Throne sitzt. Auch wäre es Torheit, zu glauben, daß Frankreich jemals uns unsere Erfolge verzeihen könnte. Sie sind ein über die Maßen eifersüchtiges, reizbares und hochmütiges Volk, das in zwei Jahrhunderten uns dreißigmal den Krieg erklärt hat, und das uns den Sieg von Sadowa nicht verzeihen kann, gleich als ob das Siegen sein alleiniges Vorrecht wäre. Frankreich muß für seinen eroberungslustigen und ehrgeizigen Charakter gezüchtigt werden; wir wollen ausruhen, wir wollen die Sicherheit unserer Kinder wahren, und dazu ist es nötig, daß wir zwischen Frankreich und uns eine Schutzwehr, ein Gebiet, Festungen und Grenzen haben, die uns für immer gegen einen Angriff schützen. Das Glück der Schlachten hat uns die besten Offiziere der französischen Armee überliefert; sie in Freiheit setzen, um sie aufs neue gegen uns marschieren zu sehen, wäre Wahnsinn. Es würde den Krieg verlängern und dem Interesse beider Völker widersprechen. Nein, General, alle Teilnahme, welche uns Ihre persönliche Lage einflößt, alle gute Meinung, welche wir von Ihrer Armee hegen – beides darf uns nicht bestimmen, von den Bedingungen zurückzutreten, die wir gestellt haben.«

Es waren schwerwiegende, harte Wahrheiten, welche Bismarck hier nach seiner ehrlichen, festen Art aussprach, und denen Wimpffen nichts entgegensetzen konnte.

Die Mitternacht war vorüber, als der französische General mit seinen zwei Begleitern von Donchery hinüberritt nach Sedan; er wollte die letzte Entscheidung über die gemachten Bedingungen dem gebrochenen, kranken Manne überlassen, der sich noch den Kaiser von Frankreich nannte.

Bismarck hatte sich tief ermüdet nach seinem Quartier begeben und trotz der gewaltigen Erregung, die dieser Tag gebracht, Schlaf gefunden. Aber lange ward er ihm nicht gegönnt. Früh am Morgen wurde er geweckt mit der Nachricht, daß Napoleon von Sedan her bereits unterwegs sei und ihn zu sprechen wünsche. Er ritt dem Kaiser entgegen durch die dämmernde Frühe des kühlen Septembermorgens. Da kam ihm ein zweispänniger Wagen entgegen mit zwei galonnierten Dienern auf dem Bocke, und drei französische Offiziere ritten zur Seite. Im Fonds des Wagens lehnte mit müdem, gelbem Antlitz und mit dem Wesen eines kranken, gebrochenen Mannes – Napoleon; drei Generale saßen neben ihm, beziehentlich ihm gegenüber. Als Bismarck näherkam, stieg er vom Pferde, trat militärisch grüßend an den Wagen und fragte nach den Befehlen des Kaisers.