Dieser hatte die Mütze abgenommen, und seine Begleiter folgten dem Beispiel. Als Bismarck das gleiche tat, sagte Napoleon: »Bedecken Sie sich doch!«
Sein Wunsch, zu dem König geführt zu werden, ließ sich aus mehreren Gründen nicht erfüllen, und da er aus Furcht vor seinen eigenen Leuten nicht nach Sedan zurückzukehren wagte, bot ihm der Kanzler sein Quartier in Donchery an. Dahin fuhr jetzt der Wagen, dem Bismarck zur Seite ritt.
Aber noch ehe das Städtchen erreicht war, wünschte Napoleon zu rasten. Unfern der Maasbrücke, rechts von der Straße, deren einförmige Pappelreihe gleichmütig zum Himmel ragte, stand ein kleines, gelb getünchtes Haus mit vier Fenstern. Einem schlichten Weber gehörte es. Hier stieg der Kaiser ab und ging langsam und müde, gefolgt von Bismarck, die enge Holztreppe hinauf nach dem ersten Stockwerk. In einer kleinen Kammer, die nur von einem Fenster erhellt wurde, standen an einem fichtenen Tisch zwei Binsenstühle.
Hier saßen die beiden Männer, der kleine, zusammengebeugte, tiefgedemütigte Franzose, der hochragende, stattliche, ernst und teilnahmsvoll dreinsehende Deutsche. Eine Stunde beinahe verhandelten sie hier miteinander. Der Kaiser beklagte, daß er wider seinen Willen durch die öffentliche Stimmung in den unseligen Krieg hineingedrängt worden sei und suchte für die Kapitulation von Sedan günstigere Bedingungen zu erlangen. Bismarck mußte ihm darauf höflich, aber entschieden bemerken, daß er in dieser militärischen Angelegenheit inkompetent sei, wohl aber auf eventuelle Friedensverhandlungen eingehen wolle. Dazu aber glaubte sich der gefangene Kaiser nicht mehr berufen, und so floß das Gespräch ohne ein positives Resultat dahin.
Napoleon schien es zu enge zu werden in dem kleinen, kahlen Raume, er erhob sich, und der Kanzler folgte ihm hinaus ins Freie. Vor dem schlichten Weberhäuschen schweifte der Blick seitwärts über ein blühendes Kartoffelfeld und über Buschwerk hinaus ins Land. Die beiden Binsenstühle waren herausgetragen worden, und der Kaiser ließ sich noch einmal nieder, Bismarck zu seiner Seite. Unter dem Himmel Frankreichs ein wunderlich ergreifendes Bild! Noch einen letzten Versuch machte der hohe Gefangene, seiner eingeschlossenen Armee den Abzug auf belgisches Gebiet zu sichern, aber auch hier wich der Kanzler dieser Frage aus.
In der Nähe von Frénois liegt ein Schlößchen, Bellevue genannt. Dort sollte Napoleon einstweilen Wohnung nehmen, und, begleitet von einer Ehreneskorte des Leibkürassierregiments, führte Bismarck ihn dahin. Und hier war es, wo um zwei Uhr mittags, nachdem die Kapitulation von Sedan in dem von Moltke gewünschten Sinne abgeschlossen war, König Wilhelm den unseligen Mann besuchte, dem sein Ehrgeiz verhängnisvoll geworden war.
Es war um die zweite Nachmittagsstunde, als der Kaiser, das Haupt entblößt, auf der Freitreppe am Eingange des Schlößchens, den ehrwürdigen, weißhaarigen König begrüßte. In Napoleons Augen standen Tränen, aber auch der siegreiche Monarch war tief bewegt. Eine inhaltschwere Viertelstunde verrann, ehe die beiden voneinander schieden, der Kaiser, um nach Deutschland zu ziehen, als Gefangener nach jenem Schlosse Wilhelmshöhe bei Kassel, auf welchem zu Anfang des Jahrhunderts der napoleonische König Jerôme seine lustige Herrschaft geführt hatte, König Wilhelm in sein Hauptquartier zu Vendresse.
Der Champagner war selbst in Frankreich ein seltenes Getränk auf der Tafel des greisen Heerführers, an jenem 3. September aber fehlte er nicht, und bei dem schäumenden, perlenden französischen Weine im Kreise seiner besten Paladine sprach der König das schöne Wort:
»Wir müssen heute aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie, General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns also auf das Wohl der Armee, der drei von mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat.«
In der Stille des Abends aber saß am selben Tage Bismarck in seinem Quartier und schrieb an seine Gemahlin im Drange seines Herzens einen schlichten und dabei doch ergreifenden Brief, der freilich das Schicksal hatte, von den französischen Freischärlern abgefangen zu werden, aber durch seine Veröffentlichung in der Pariser Zeitung »Figaro« allgemein bekannt worden ist.