Mit Napoleons Gefangennahme hörte der Krieg nicht auf. Die Franzosen gaben ihren Kaiser preis, setzten ihn ab und proklamierten die Republik, und die Waffen redeten zunächst ihre ernste, furchtbare Sprache noch weiter. Frankreich gedachte neue Armeen aus der Erde zu stampfen und Freischarenbanden im Rücken der deutschen Heere organisieren zu lassen, um diese zu beunruhigen, und diese unheimlichen Gesellen in ihren dunklen Wollenblusen, mit der blauen Schärpe um den Leib, lagen allerorten im Hinterhalt, zerstörten Schienenwege und Telegraphenleitungen und suchten den deutschen Armeen die Zufuhr abzuschneiden. Paris, das Kleinod von Frankreich, wurde stark befestigt und eine starke Armee in die Hauptstadt gelegt, aber mit ruhiger Sicherheit gingen die deutschen Heere ihre Siegespfade weiter, und immer näher heran an die innerlich verkommene »Weltenseele«.
Es war am 19. September, als ein Mitglied der französischen Regierung, der Advokat Jules Favre, im deutschen Hauptquartier eintraf und mit Bismarck zu verhandeln wünschte. Dieser wohnte in der Nähe des Dorfes Montry in dem Schlosse La Haute Maison. Langsam fuhr der Wagen des Franzosen die bewaldete Anhöhe hinan, die nach dem wenig ansehnlichen Hause führte, und sein Auge blieb unwillkürlich an den Zerstörungen haften, die sich überall als Folgen von Kämpfen, die sich hier abgespielt haben mußten, bemerkbar machten.
Bismarck empfing den Gast mit ritterlicher Höflichkeit und erkundigte sich nach seinen Wünschen.
Favre wußte mit großer Gewandtheit und Geschicklichkeit auszuführen, wie die französische Regierung dem Frieden nicht abgeneigt wäre, wie dieselbe aber, ehe sie einen solchen schließen könne, gesetzlich anerkannt sein müsse. Es liegt darum die Notwendigkeit vor, eine konstituierende Nationalversammlung einzuberufen, was aber unmöglich sei während der Fortdauer des Krieges; seine Bitte gehe darum auf Abschluß eines Waffenstillstands.
Ernst und ruhig sah Bismarck dem Franzosen ins Auge, der einigermaßen erregt mit den schlanken Fingern sich durch den weißen Bart strich. Dann bemerkte er:
»Es wird Ihnen zweifellos klar sein, welche Nachteile für unsere siegreich fortschreitenden Heere in einem Waffenstillstande liegen, doch kann ich Ihren Standpunkt begreifen und würde geneigt sein, Ihren Wunsch zu befürworten, doch werden Sie einsehen, daß wir für dessen Gewährung eine entsprechende Entschädigung erhalten müßten.«
»Und worin würde diese wohl zu bestehen haben?«
»Da uns vor allem daran liegen muß, die Verpflegung unserer Heere und die damit zusammenhängende Verbindung mit Deutschland gesichert zu sehen, würden wir die Übergabe der Festungen Toul und Straßburg verlangen müssen.«
Der Franzose fuhr erregt auf:
»Das ist eine Forderung, die doch wohl zu weit geht.«