»Ich bin sehr unglücklich, aber ich hoffe noch immer!«
Drohender zogen sich die Wetterwolken um Paris zusammen. Mit eisernen Armen umklammerten die deutschen Heere den Leib der koketten Seinestadt, die sich vergebens gegen die Erdrückung wehrte; am 19. September war die Einschließung vollendet. Etwa 8 Tage später kam von Straßburg her die Kunde, daß die Festung sich ergeben und die alte, gut deutsche Stadt von der Mutter Germania wieder heimgeholt worden sei.
Zu Anfang Oktober war das deutsche Hauptquartier in Versailles. Auf der Präfektur wohnte der greise preußische Herrscher, in einem kleinen Hause aber, in der Rue de Provence, von dessen Balkon die schwarz-weiß-rote Fahne lustig in die Straße hineinwehte, hatte Bismarck sein Quartier aufgeschlagen, und die Staatsmaschine arbeitete von hier aus unaufhörlich und wahrlich auch erfolgreich, denn vergebens hatte Frankreich den ruhig besonnenen, redegewandten Staatsmann Thiers dahin und dorthin an andere Regierungen gesandt, um eine Einmischung zu seinen Gunsten herbeizuführen, es hatte niemand Lust, sich um der jungen Republik wegen in Unkosten und Aufregung zu stürzen, und die Dinge gingen ihren Gang weiter.
Da kam auch die Kunde, daß Metz (am 29. Oktober) gefallen und die Armee Bazaines kriegsgefangen sei. Ein neuer Jubel durchbrauste die deutschen Heere, die Kampfesbegeisterung wuchs im Lager vor Paris, und wenn Bismarck durch die Straßen von Versailles ritt, die Kraftgestalt in der kleidsamen Kürassieruniform stramm aufgerichtet im Sattel, grüßten ihn die deutschen Soldaten mit warmer Herzlichkeit, und die Franzosen sahen mit einem Gemisch von Ingrimm und Verwunderung dem stattlichen Recken nach.
Und hier in Versailles, in dem schlichten Hause der Madame Jessé, liefen die Fäden zusammen, welche die starke Hand Bismarcks zu einem gewaltigen Ganzen verflocht, zum Bande, das das einige deutsche Reich umschlang. Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit hatte eine Bluttaufe erhalten, welche allen Zwiespalt verwischte, und aus allen Gauen des deutschen Südens kamen Wünsche, sich dem norddeutschen Bunde anzuschließen. Nach Versailles kamen die Sendboten von Baden und Hessen, Württemberg und Bayern, und die wichtigen Verhandlungen waren im vollen Gange, während die Kanonen gegen die Außenforts der französischen Hauptstadt ihre furchtbaren Grüße sandten.
Als der badische Minister Jolly Bismarck besuchte, brachte er ein sinniges Geschenk mit, eine goldene Feder.
»Der Pforzheimer Fabrikant Bissinger hat mich gebeten, Eurer Exzellenz diese Gabe zu überbringen und in seinem Namen zu bitten, daß Sie den dritten Pariser Frieden damit unterzeichnen möchten.«
Sinnend und mit überwallender Rührung betrachtete Bismarck das Geschenk, das ihm aus Deutschlands Süden zuging, wo er vor nicht zu langer Zeit noch der bestgehaßte Mann war. Dann sprach er:
»Was soll ich dem gütigen Spender sagen? Wie soll ich ihm danken? In einer Zeit, da das Schwert der deutschen Nation so ruhmreiche Taten vollbracht hat, tut man der Feder beinahe zu viel Ehre an, wenn man sie so kostbar ausstattet. Ich kann nur hoffen, daß der Gebrauch, zu welchem diese Feder im Dienste des Vaterlandes bestimmt ist, demselben zu dauerndem Gedeihen in glücklichem Frieden gereichen möge, und ich darf unter Gottes Beistand versprechen, daß sie in meiner Hand nichts unterzeichnen soll, was deutscher Gesinnung oder deutschen Schwertes unwert wäre.«
Der Winter war allgemach gekommen und trieb seine Flocken durch das französische Land, und in Bismarcks Wohnung knisterte das Feuer im Kamin. Es war am 23. November. Der Abend war schon lange hereingebrochen, die Teestunde, in welcher der Kanzler mit einigen seiner Beamten, so behaglich es angehen mochte, sonst zusammenzusitzen pflegte, war gekommen, und in dem kleinen Salon harrten bereits einige Herren. Nahe beim Kamin saß Graf Bismarck-Bohlen, unfern davon Graf Hatzfeld.