Die Herren hatten sich erhoben, sie sahen mit leuchtenden Blicken den Sprecher an – einige Sekunden tiefer, ergreifender Stille verstrichen, dann erbat sich Dr. Busch die Erlaubnis, die Federn holen zu dürfen, mit welchen das bedeutsame Aktenstück unterschrieben worden war. Bismarck aber befahl dem Diener, eine Flasche Champagner herbeizubringen. Die Gläser mit dem Schaumwein klirrten zusammen, und der Kanzler sprach tief atmend:

»Es ist ein Ereignis.«

Dann schwieg er sinnend einige Augenblicke, und nun fuhr er fort:

»Die Zeitungen werden nicht zufrieden sein, und wer einmal in der gewöhnlichen Art Geschichte schreibt, kann unser Abkommen tadeln. Er kann sagen, der dumme Kerl hätte mehr fordern sollen; er hätte es erlangt; sie hätten gemußt; er kann recht haben mit dem Müssen. Mir aber lag mehr daran, daß die Leute mit der Sache innerlich zufrieden waren. – Was sind Verträge, wenn man muß! – und ich weiß, daß sie vergnügt fortgegangen sind. Der Vertrag hat seine Mängel, aber er ist so fester. Ich rechne ihn zu dem Wichtigsten, was wir in diesen Jahren erreicht haben. – Was den Kaiser betrifft, so habe ich ihnen denselben bei den Verhandlungen damit annehmbar gemacht, daß ich ihnen vorstellte, es müsse für ihren König doch bequemer und leichter sein, gewisse Rechte dem deutschen Kaiser einzuräumen, als dem benachbarten König von Preußen.«

Die Erneuerung der deutschen Kaiserkrone! Das war der Wunsch der Besten seit Jahrzehnten, das war die immer wieder erwachende Sehnsucht des deutschen Volkes, und nun sollte sie im fremden Lande sich erfüllen. Und die Erfüllung ward nicht künstlich herbeigeführt, sie wuchs aus den gewaltigen geschichtlichen Ereignissen selbst heraus. Die deutschen Fürsten und das deutsche Volk waren eins in diesem schönen Ziele.

Am 18. Dezember trafen in Versailles dreißig Mitglieder des Norddeutschen Reichstages ein, geführt von ihrem Präsidenten Simson. Die vornehme französische Präfektur sah sie durch ihre Prunkhallen schreiten, und die Bilder der alten französischen Herrscher schauten wohl mit Verwunderung herab auf die deutschen Männer, die hier im Namen eines ganzen Volkes kamen, um dem greisen König Wilhelm jenes Schreiben zu überreichen, das ihn bat, die deutsche Kaiserkrone anzunehmen. Draußen lag der Winter auf den Feldern von Frankreich, aber Sonnenschein war’s in allen deutschen Herzen, jener Lenzessonnenschein, der die Auferstehung schlafender Herrlichkeit verkündet.

Um den König standen die Edelsten des deutschen Volkes, seine Fürsten und Helden, und hervorragend unter diesen die Kraftgestalt des Kanzlers, der mit freudigem Bewußtsein daran denken durfte, daß er diese Stunde hatte vorbereiten helfen.

Mit bewegter Stimme sprach Dr. Simson:

»Eure Majestät empfangen die Abgeordneten des Reichstags in einer Stadt, in welcher mehrmals ein verderblicher Heereszug gegen unser Vaterland ersonnen und ins Werk gesetzt worden ist. Und heute darf die Nation von eben dieser Stelle her sich der Zuversicht getrösten, daß Kaiser und Reich im Geiste einer neuen lebensvollen Gegenwart wieder aufgerichtet und ihr, wenn Gott ferner hilft und Segen gibt, in beiden die Gewißheit und Macht von Recht und Gesetz, von Freiheit und Frieden zuteil werden.«

Das war des deutschen Volkes Weihnachtsgabe. Die Zeit des schlafenden Kaisers im Kyffhäuser sollte vorüber sein, der Kaiser Rotbart sollte verschwinden vor der Herrlichkeit des Kaiser Weißbart. Der Gedanke mußte all die tausend Männerherzen entschädigen, die in Eis und Schnee fern von der Heimat und ihren Lieben das schönste Fest, das Christfest, verleben mußten.