Im Hause in der Rue de Provence in Versailles dachte Bismarck mit verhaltener Wehmut an jenem 24. Dezember der Seinen. Im Kamin flackerte das Feuer, und um den Tisch saß ein kleiner Kreis von Männern, der hier gleichsam seine Familie repräsentierte, seine treuen Mitarbeiter. Ein Christbäumchen fehlte nicht, aber es war ein winzig Dingelchen, doch gehörte es in das deutsche Heim, um wenigstens einigermaßen Stimmung zu machen. Und unter dem Bäumchen lag eine liebe Gabe, die mit anderen von daheim gekommen war, ein Geschenk von Frau Johanna. Sie wußte, daß ihr Gemahl eine besondere Vorliebe für schöne Becher habe, und so hatte sie ihm in zierlichem Kästchen zwei derselben zugesandt, den einen in Tula-Manier, den anderen in geschmackvollem Renaissancestil.
Aber auch sein König hatte ihn nicht vergessen. Er sandte ihm am Christabend das Eiserne Kreuz erster Klasse, um die Verdienste des Mannes zu ehren, der mit sicherer Hand auch aus der Mitte des feindlichen Landes die Fäden der Politik zum Segen Deutschlands und zur Ehre seiner Heimat verknüpfte.
Der herrlichste deutsche Festtag aber, welchen das französische Königsschloß in jenen Tagen schaute, war der 18. Januar 1871. Vor 170 Jahre hatte der Brandenburger Kurfürst sich an diesem Tage die preußische Königskrone aufs Haupt gesetzt, und nun ward ein König von Preußen deutscher Kaiser. Im Palaste jenes Ludwig XIV., der einst so tiefe Schmach und Schädigung über deutsches Land und Volk gebracht, feierte unseres Reiches Herrlichkeit seine Auferstehung – ein Walten der Weltgeschichte, wie es nicht ergreifender gedacht werden kann.
Vom Herrenschlosse zu Versailles wehte die Fahne der Hohenzollern hinaus in die Winterluft. Um die Mittagsstunde standen zu beiden Seiten der Straße von der Präfektur her in Reih und Glied die Scharen der deutschen Soldaten, mit flammender Begeisterung im Auge, die Brust geschwellt von einem maßlosen Hochgefühl. Andere hatten sich um das mitten auf dem Schloßplatz sich erhebende gewaltige Reiterstandbild Ludwigs XIV. gruppiert und unter den Statuen französischer Kriegshelden. Die mächtigen Pforten des glänzenden Palastes, welche in goldenen Lettern die prunkende Aufschrift tragen: »A toutes les gloires de la France« waren weit geöffnet, um die erlauchten deutschen Gäste aufzunehmen, welche im glänzenden Zuge herankamen.
Nun nahte die ehrwürdige Gestalt des Königs. Ein Brausen und Jauchzen erhob sich, das die Lüfte erschütterte, und das selbst die neugierigen Gaffer mächtig ergriff und eine Ahnung treudeutschen Empfindens in ihre Seelen trug, und zwischen den jubelnden Soldaten schritt der königliche Greis hin, hochaufgerichtet und herrlich. Am Portale begrüßte ihn der Kronprinz, in den Vorgemächern empfingen ihn Fürsten, Minister und Generale, und so geleiteten sie ihn in die festlich geschmückte herrliche Spiegelgalerie des Schlosses. An der Decke des Saales war ein Bild, das wunderlich in diese Situation paßte, eine Verherrlichung Ludwigs XIV., vor dessen Thron sich die Mächte Europas demütig beugen. Am Mittelpfeiler der Gartenseite war ein Altar errichtet, zu dessen beiden Seiten die Vertreter des deutschen Heeres, Mannschaften aller Truppenteile, standen, und von einer Estrade her winkten die Fahnen der deutschen Armeen herab, welche von Unteroffizieren gehalten wurden, deren Brust das eiserne Kreuz schmückte.
Eine ergreifende Stille trat ein, als der König, von den Fürsten und seinen Recken umgeben, dem Altare zuschritt und demselben gegenüber Platz nahm. Mit frommem Aufblick zu Gott ward die feierliche Stunde eingeleitet. Wie daheim im Gotteshause erklang die Liturgie. »Jauchzet dem Herrn alle Welt!« jubelte der Sängerchor, und dann trat Hofprediger Rogge vor, um die Festpredigt zu halten. In die glänzende und weihevolle Versammlung rief er das Wort des Psalmisten: »Herr, der König freuet sich deiner Kraft, du setzest eine goldene Krone auf sein Haupt,« und nun wandte er den Blick empor zu dem übermütigen Deckengemälde und pries den Herrn, der den feindlichen Hochmut zuschanden gemacht hatte.
Machtvoll und erhebend klang der fromme Choral: »Nun danket alle Gott!« von hundert Männerlippen, und jetzt schritt der greise König, von dem Kronprinzen und Bismarck gefolgt, auf die Erhöhung, von der die Fahnen niederwallten, und verlas das Wort vom wiedererstandenen deutschen Reiche. Dann forderte er den Kanzler auf, des neuen Kaisers ersten Erlaß, seinen kaiserlichen Gruß, den Fürsten und Vertretern des Volkes zu verkündigen.
Stattlicher erhob sich die Gestalt Bismarcks, festen Fußes trat er einige Schritte vor, ernst und mit verhaltener Bewegung flog sein Auge durch den Saal, auf welchem tiefes, feierliches Schweigen ruhte, und dann klangen die Worte so ruhig und klar bis in die fernste Ecke des Raumes:
»Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen – nachdem die deutschen Fürsten und freien Städte den einmütigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des deutschen Reiches die seit mehr denn sechzig Jahren ruhende deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind – bekunden hiermit, daß Wir als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Rufe der verbündeten deutschen Fürsten und freien Städte Folge zu leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen. Demgemäß werden Wir und Unsere Nachfolger an der Krone Preußens fortan den kaiserlichen Titel in allen Unseren Beziehungen und Angelegenheiten des Deutschen Reiches führen, und hoffen zu Gott, daß es der deutschen Nation gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen die kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu verteidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermutigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren. Uns aber und unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allezeit Mehrer des deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.«
Langsam trat Bismarck an die Seite seines Kaisers zurück, aus dem Kreise der deutschen Fürsten aber schritt der Großherzog von Baden bis an die Erhöhung heran, hoch in der Rechten schwang er den blitzenden Helm, und in wahrer und warmer Begeisterung rief er: