»Seine Majestät der Kaiser Wilhelm lebe hoch!«

Schmetternd in Jubeltönen fiel die Musik ein, aus der ganzen Versammlung brauste es mit erhebender Gewalt empor, das stolze Wort, und während die Volkshymne machtvoll einsetzte, pflanzte sich die Begeisterung fort, hinaus durch die Hallen und Höfe, die Straßen und Plätze. Das war die Weihestunde des neuen Reiches.

Aber der Kampf auf Frankreichs Feldern und um seine Hauptstadt dauerte noch immer fort, bis in der letzteren die Not auf das äußerste gestiegen war: Übermütiger Trotz konnte hier nicht weiter nützen. Am Abend des 23. Januar fuhr durch die Straßen von Versailles ein Wagen, der wohl vordem dem kaiserlichen Hofe gehört haben mochte, aber das Wappen daran war beseitigt worden. Drei Männer saßen darin, der hagere, bleiche Advokat Jules Favre, dessen kleiner, beweglicher Schwiegersohn, der Maler Martinez de Rio und Graf d’Hérisson. In der Rue de Provence, vor dem Hause der Frau Jessé, hielt das Gefährt, die Insassen stiegen aus und gingen langsam die Treppen nach dem ersten Stockwerk hinan. Sie wurden von den Ministerialbeamten empfangen und erhielten an Bewirtung, was eben aufzutreiben war, dann bat Bismarck Favre und den Grafen d’Hérisson, bei ihm in den kleinen Salon einzutreten.

An einem runden Tisch saßen die drei, und Bismarck bot seinen Gästen Zigarren an, welche vor ihm standen. Beide lehnten dieselben ab, und lächelnd bemerkte der Kanzler:

»Sie tun unrecht daran; wenn man eine Unterredung beginnt, die zu heftigen Auseinandersetzungen führen kann, ist es doch besser, beim Zwiegespräch zu rauchen. Die Zigarre paralisiert, indem man sie hin und her dreht und nicht fallen lassen will, einigermaßen die körperliche Erregung und stimmt uns milder, man fühlt sich behaglich und macht sich eher Konzessionen.«

Der bleiche, hagere französische Abgeordnete saß etwas zusammengebeugt in seinem Stuhle, der Kanzler in seiner Kürassieruniform aufrecht und stattlich. Er führte die Verhandlungen in einem ausgezeichneten Französisch, welches Graf d’Hérisson geradezu mit Verwunderung anhörte. Jules Favre glaubte an die Unterredung von Schloß Ferrières wieder anknüpfen zu können, aber Bismarck bemerkte höflich:

»Sie vergessen, daß unsere Lage heute bereits eine andere ist wie damals. Wenn Sie an Ihrem Grundsatze festhalten: ›Keinen Zollbreit unseres Gebietes, keinen Stein unserer Festungen,‹ so ist es überflüssig, weiter darüber zu sprechen. Meine Zeit ist kostbar, die Ihrige auch, und ich sehe nicht ein, weshalb wir sie vergeuden sollten.«

Es handelte sich um die Bedingungen des Waffenstillstandes, und der redegewandte Franzose bot alles auf, dieselben den Verhältnissen gemäß günstig zu gestalten. Aber er fand einen überlegenen, eisernen Gegner. Übergabe der Außenforts von Paris, Kriegsgefangenschaft der Verteidigungstruppen, Entwaffnung der Nationalgarde und Einmarsch deutscher Truppen in Frankreichs Hauptstadt – das waren die wesentlichsten Forderungen des Kanzlers.

Jules Favres bleiches Gesicht rötete sich vor innerer Erregung, er strich sich die wirren weißen Haare aus der Stirn und begann aufs neue mit dem Versuche, eins und das andere abzudingen. Daß deutsche Soldaten durch die Straßen von Paris marschieren sollten, war dem Franzosen ein besonders unerträglicher Gedanke, und er bestürmte Bismarck, indem er an dessen Großmut appellierte und auf die tiefe Verletzung der französischen Nationalehre hinwies, darauf zu verzichten. Auch die Entwaffnung der Nationalgarde erschien dem Vertreter Frankreichs als tief demütigend und kränkend, und er bat dringend, von dieser Forderung abzustehen.

Der Kanzler sah ihn ernst an und erwiderte nach einer kleinen Pause: