„Nicht viel Abwechselung in seinem Gespräch“, dachte Ahasverus, aber er folgte ihm doch in einem Abstand, angezogen von diesem Trottel, der auch nur immer wanderte, als hätte er kein Ziel, und seit Jahren vielleicht sich ganz und gar blödsinnig gepaternostert hatte; und der wurde ihm wie ein fernes Bild seiner selbst, aus dem der Tod, der unmögliche Tod ihm höhnisch entgegengrinste.
O, könnte er nur, immer und immer dasselbe Gebet wiederholend, langsam und verbissen und zuversichtlich seinen Geist in dem Nichts sich verirren lassen! Der alte Knabe da ging mit einem Schritt „ich werde schon hinkommen“, und als er am Mittag, immer noch vaterunsernd, seine Beine ausstreckte unter einer schattigen Linde, fiel er bald in Schlaf, wie ein unschuldiges Kindchen, und schnarchte ganz leise. Ahasverus betrachtete das totenhafte Gesicht, auf dem Ruhe ohne Falten lag. Neidisch zog er dann weiter, allein.
Aber kein Gebet brachte er über die Lippen, und er zählte seine Schritte, hundert, und wieder hundert, bis tausend und zwei- und dreitausend. Doch dabei waren seine Sinne mit etwas anderem beschäftigt, — mit dem, was an jenem Freitag geschehen war . . . — er konnte seine Gedanken nicht zur Ruhe bringen, er konnte das Bild des Gekreuzigten in sich nicht zermalmen, und wütend begann er dann zu fluchen, immer den selben Fluch, der niederhämmerte im Takt mit dem Schritt seiner Füße, bis dies Geramme seinen Geist betäuben würde.
Aber endlich mußte er wieder wild über sich selbst lachen. „Ich bin ein Kind,“ dachte er, „ein törichtes kleines Kind!“
Das Land verschwamm in den Abendnebeln, die sich mit dem langgezogenen Rauch schwelender Kartoffelfeuer mischten. Es war überall so einsam, so verlassen und voll Abendduft. „Wo werde ich nun landen?“ dachte Ahasverus erschöpft. Bald erkannte er die flachen Strohdächer eines Dorfes, mit Ställen und Scheunen; als er zu dem Platze kam, der die Kirche umgab, begann in den geschlossenen Häusern das freundliche Licht zu brennen. Er betrat eine Herberge, wo Bauern bei ein paar Kerzen um eine Tonne herum beim Kartenspiel saßen, und verlangte Bier und trank schweigend, mürrisch, ein Glas nach dem andern. Es war nun nur ein bewußtes Saufen noch, um seinen Geist abzustumpfen, um zu vergessen, um für einige Stunden tot zu sein. Aber es dauerte sehr lange, bis er betrunken wurde; dann kamen einige von den jämmerlichen Saufbrüdern spöttisch grinsend heran, um mit ihm anzustoßen, und sie grölten immer dasselbe schleppende Lied, indem sie ihre angeglühten Visagen einander zuneigten. Da lag ein Kumpan an Ahasverus gelehnt und langweilte ihn lallend und kläglich jammernd mit Geschichten von seiner Frau, die vor zwanzig Jahren am Pips gestorben war. Ahasverus wollte mitbrüllen, sank aber düster wieder in sich zusammen und trank . . . Am andern Tag erwachte er auf einem Misthaufen. Er torkelte weiter, legte sich noch etwas in einen Graben, um zu schnarchen, schob dann wieder in eine Wirtschaft hinein und trank. Sein Kopf schmerzte ihn, er sah alles durch einen Nebel. Frech schmiß er seine Groschen auf den Tisch, goß hinunter, daß seine Eingeweide davon brannten, zerbrach Gläser und wurde hinausgeprügelt. Und so zog er von neuem schwankend die Straße entlang, von Spelunke zu Spelunke, oder zwischendurch schnarchend, mit dem Gesicht auf der Erde.
Bis er, nüchtern geworden, wieder das Licht sah, wieder das Leben in sich fühlte und voller Ekel erkannte, daß sein Trotz nur eine Kinderei war, — daß es etwas gab, das er nicht vergessen hatte, etwas, das er niemals vergessen würde. Und in ihm lebte das heimliche Feuer, unauslöschlich.
„Wie sollte jemand sterben können,“ dachte er, „der so stürmisch nach dem Tode sich sehnt?“
Es war wieder einmal gegen Abend, und er war so müde. Was nützte es noch, die Arme auszustrecken? — und nach wem, nach was sollte er rufen? . . . Er setzte sich gebrochen auf einen Stein, am Rande eines großen, finsteren Waldes, während die Dämmerung grau aus der Ebene stieg; das säuselnde Schweigen der Erde sprach zu dem Schweigen des Himmels, nur in der Ferne schlug eine Glocke an; einmal trottete auch ein Hirte vorbei, der seine folgsamen Schafe zum Stalle trieb, und ihr Getrappel im Staub glich dem sanften Geräusch des Sommerregens. Es war so sonderbar, was in Ahasverus vorging, und dies schien wohl ein anderer Abend zu sein als gewöhnlich. Wie lange war er nun gelaufen? Er wußte es nicht; vielleicht waren die Jahre wie Stunden für ihn gewesen, gleichsam als wäre er in einem Traum gewandelt, der seinen Willen überzogen hatte, aber vor seinem klarer werdenden Heimweh nun langsam fortdämmerte. Sein Herz war zerstückt, aber auch seine lähmende Gleichgültigkeit war wie gebrochen, und aus der Leere seines Geistes richtete sich trauernd etwas auf, das er doch nicht töten konnte und das sein Bewußtsein war. O diese Glut wieder, diese lodernde Glut da drinnen! . . . Das Gefühl, daß das Leben in ihm doch fortwuchs und aus all dem Schutt unerbittlich aufschoß, und dazu die allzu süße Inbrunst dieses Abends, das alles machte seine Pein noch bohrender, als sie jemals gewesen war. Und er dachte:
„Ach! warum habe ich den Gekreuzigten angesehen? Gerade an jenem Mittag, bevor ich ihn ansah, hätte ich so leicht sterben können!“