Er wußte wohl, daß das nun nicht mehr möglich war, daß der gemeine Tod der Menschen den Hunger seiner schwellenden, seiner wollenden Seele, ach! fortan nicht mehr stillen konnte. Er träumte von einem übermenschlichen Vergehn, das zugleich die Welt selbst vernichten würde, einem Tod, der wie ein Fluch sein würde auf . . . auf jenes andere, Namenlose, wonach er begehrte, das er nicht erlangen konnte und das er haßte, das er nicht kennen wollte, — einem Tod, der sein würde wie ein Speien auf das Geheimnis, das ihn leiden machte. Er hätte mit beiden Händen den Himmel auf sein Haupt und auf alles mögen einstürzen lassen . . . Nein, es war zu albern! Er wollte nicht wissen, daß es einen Himmel gab, er klebte doch für immer an dieser harten Scholle . . . Und er fiel verzweifelt auf die Kniee, mit seinen Krallen in die Erde greifend; er wollte diese Erde sein, er wollte der Urstoff selber sein, er hätte sich in Millionen und Millionen Stücken verteilen lassen mögen, um in allen Dingen zu leben, — und seine Seele nicht mehr zu fühlen! — um der Saft der Bäume zu sein, das Blut des warmen Tieres, das Wasser der Ströme, der Fels und die Luft, das ewige Gären der Erde.
Die stille Flut der Nacht hatte sich über das ganze Land gebreitet, aber die Tiefen des Himmels blieben wie eine spiegelklare See. Und Ahasverus, erdrückt von der Verdammnis dieser Unendlichkeit, flüchtete in den Wald, — in das grüne Dunkel.
Der Wald war voller Flüsterstimmen und seltsamem Gezitter; tastend ging Ahasverus hindurch. Die größten Bäume standen da wie Riesen, bemoost und so viel Jahrhunderte alt, daß sie das überflüssige Sprechen verlernt hatten. Über den durchsichtigen Laubgewölben ahnte man überall andere Laubgewölbe, als wären da zwei, drei Wälder übereinander, und ringsum, zwischen den Ästen von blasserem Grün, die leise zitterten wie mit vielen fast regungslosen Flügeln, verirrte sich der Blick durch ein geheimnisvolles Spiel von Schatten bis in schwarze Höhlen von wirrem Gewächs.
Von dort quoll nun überall die volle Nacht heraus, während alle Dinge ihren Atem anhielten, um keinen Laut zu wecken. Nur ganz ganz hoch rauschten Blätter, die der Mond vielleicht beschien; bisweilen piepte ein Vogel, der halb im Schlaf etwas erzählte. Das Dunkel tat Ahasverus wohl, und auch, daß alles wieder einem Traume glich.
Vorsichtig schritt er weiter; der Boden senkte sich immer mehr zu tieferen Mulden, wo die Luft schwül war von wilden, feuchten, brütenden Gerüchen, und die Stille voller Unrast, als wäre sie ein großer Seufzer, der herauswollte und nicht konnte. Viele kaum hörbare Laute bullerten und knisterten in der dunklen Wärme, — Tiere lebten da und waren gewiß bei der Paarung. Einige sprangen weg neben ihm, und das Gestrüpp knackte unter ihrem Lauf. Dann begann auf einmal ein Hirsch vor Brunst zu schreien, irgendwo in der Einsamkeit einer Tiefe. Ahasverus lauschte gespannt: — nichts mehr, nur das Klopfen seines Blutes fast bis in die Kehle hinein, — wieder das klägliche Rufen, — andere Hirsche antworteten im Dunkel, — dann ein Galopp, der in der Ferne immer undeutlicher wurde, — dann nichts mehr . . .
Aber rieselnd sank da unten ein Gewimmel von Mondschein herab auf das silberne Zittern eines Sees, und am Rande, in der niederstäubenden Bläue, gewahrte Ahasverus eine nackte Frau, die halb ausgestreckt ihr Gesicht in dem flachen Wasser spiegelte, und sie sang ein schleppendes Lied, ein Dideldumdei, bei dem man sich nichts denken konnte.
Ahasverus schlich näher, um es zu verstehn. Der Gesang brach ab, die Frau sah sich flüchtig um, aber sie schien Ahasverus nicht zu bemerken. Sie wiegte sich langsam hin und her; spielend wie ein Kind erhob sie die Hände, gefüllt mit Wasser, das ins Licht niederrieselte wie perlende Blasen, — es war, als wollte sie die dem Monde weihen, — und dabei hielt sie ihr Köpfchen hintenübergebeugt und schwatzte allerhand Unsinn in der Vogelsprache. Und dann kein Laut mehr, nur noch das Glimmern des Mondlichts auf dem dunklen Wasser.
Die Stille lastete auf Ahasverus, und er rief gezwungen lachend nach dem artigen Ding, ohne selbst zu wissen warum. Sie blickte von der Seite mit schrägem Kopf auf, wie ein scheuer Vogel, der fortfliegen will.
Ahasverus kroch vorsichtig durch die Sträucher hinzu und blieb in einem kleinen Abstand auf der Lauer. Nach einer Weile schien das Meerweibchen ihn wieder vergessen zu haben, das Zittern eines Pfeilkrautes oder einer Wasserlilie hatte sie zerstreut, und sie träumte nun, lauschend in die Nacht und den Mondenschein, die junge Brust vorgestreckt, die leise atmete. Das Licht, das ihre reinen Glieder umzitterte, ohne Strahlen, war ein unbeschreiblicher Flaum, ein Tau, ein dunstiges Etwas, — wie eine gedämpfte Musik, die heimlich durch eine andere hindurchspielt, — zwei Gesäusel von Musik, die einander suchen und doch nicht zu berühren wagen.
Ahasverus erhob mit einem Ruck den Kopf, seine Augen triumphierten: „Ich hab sie!“ und er sprang hinzu. Aber fft — war sie unterm Wasser und weg . . . Von viel weiterher hörte er ihr helles Gelächter, daß der ganze Wald davon erklang.