Aber . . . wenn es gar nicht vorhanden wäre? . . .
Zerrissen von diesem Zweifel, blieb er lange, den Kopf zwischen den Händen, versunken in grausige Nacht, bis endlich wieder eine Klarheit in ihm tagte, und diese Klarheit war wie ein Blick, den er so wohl kannte:
„Etwas von diesem Licht war in den Augen Christi . . .“ grübelte er.
Er lief durch den Wald, strauchelnd, und rief: „Gott! Gott!“ als ob das hätte helfen können! Erschöpft lag er dann wieder, die Hände ringend, im Grase und rief: „Gott! Gott!“ und auf der freien Höhe blieb er hochaufgerichtet stehen, den Kopf hintenüber gebeugt und die Augen geschlossen, und rief: „Gott! Gott!“ — aber er war unabänderlich und ewig allein.
Sein Blick folgte einer Lerche, die singend stieg und stieg, in die Luft, so hoch, daß sie in dem strahlenden Raum verschwand. „Sie wird bald doch wieder hinunter auf die Erde müssen!“ lachte Ahasverus. So flogen auch seine Gedanken, aber sie waren wie blinde Vögel, die zum Licht emporstiegen, um dann, vom Blitzstrahl der eigenen Verzweiflung getroffen, auf verbrannten Flügeln wirbelnd wieder in die Finsternis hinabzutaumeln.
Und selbst in der Helle des Tages erschienen alle Dinge der Erde ihm dunkel, wie an jenem Abend; im Walde war es ihm, als ob kaum ein wenig Kellerlicht durch die alten Bäume herabsickerte.
Bisweilen dachte er: „Meine Füße haben in dem Tod gestanden, meine Hände haben den Tod gefühlt, ich kann nichts, ich bin nichts, nimm mich in deine Unendlichkeit, o Gott!“
Und bisweilen, wenn das Blut wieder in ihm stark geworden war, erhob sich auch die Stimme von früher: „Ich werde nicht zerbrechen“, und verbissen irrte er dann durch die Verlassenheit der Wälder, bis er am Abend, hungrig und erschöpft, wieder in der Klause ankam und still sitzen blieb bei dem Eremiten. Sie sprachen wenig; aber Ahasverus fühlte sich dort wohler und sicherer. Denn wenn er auf das friedvolle Gesicht des alten Mannes blickte, sah er, daß dort eine Zuversicht war, die er nicht begriff, aber doch fühlte.
Und Ahasverus glaubte nicht, aber etwas war in ihn hineingeschlüpft, wenn er es auch selbst nicht deutlich wußte, das immer heller brennen würde in der Glut seiner dunkel-öden Seele: die Hoffnung, — die Hoffnung, daß auch er einst seine Ruhe finden würde, — vielleicht . . .
Der Wald begann allmählich zu rosten, ein großer Palast voll trüben Glanzes.