Auf dem fahlenden Kupferrot und Bernsteingelb der Kronen lag der flüchtige Glanz der Sonne oft so fremd, weil man nicht sah, aus welchem Winkel des Himmels sie scheinen mochte, als wäre sie aus Nebel zu Licht geworden oder ein stilles Leuchten der Dinge selbst.

Aber dann kam der verwesende Herbst, der unaufhörliche, fröstelnde Regen, der die Wälder erschauern macht in einem bleichen und totenstillen Dunst.

Der Eremit wurde krank: sein Leib war so alt! Ahasverus blieb nun fast immer bei ihm; oft schwiegen sie lange, und aus diesem Schweigen erhob sich dann das verzückte Wort des Heiligen wie ein reines Feuer über eine Welt empor, die Ahasverus grauer und elender schien denn je. Weiter zu flüchten ins offene Land, daran dachte er nicht einmal mehr: was konnte das nützen? Es war doch überall dieselbe Erde, dunkel, gebunden in ihrer Verdammnis.

Aber ein kleines Samenkorn von Hoffnung kann so schnell aufschießen, ohne daß man es merkt, da drinnen! Und es schimmerte wohl eine Helligkeit da drinnen, wie das geheimnisvolle Herbstlicht, dessen Ursprung man nicht sieht, — ein blasser Widerschein jener Schönheit, die in der Seele des Klausners wie in einem hellen Spiegel lag.

„Wie bin ich doch verändert!“ mußte Ahasverus bisweilen bekennen: es wunderte ihn selbst, daß er nun still dasitzen konnte und warten — warten auf das, was er nicht zu ahnen wagte —, stundenlang, beinahe gelassen denkend an alles, was geschehen war. Die wilde Glut verzehrte ihn dann nicht mehr, die lodernde Flamme verblaßte wie in einem matten Morgenrot.

Und an einem Morgen, da alles in einem silbrigen Nebel schwamm, fühlte er auf einmal, ohne Ursache, eine heitere Gewißheit in sich, eine natürliche Aufwallung seines ganzen Wesens, etwas, das von selbst emporstieg wie ein Gesang, wie eine Welle in der Sonne, und in diesem Augenblick wußte er, wußte er in seinem Herzen, daß das Unvergängliche Licht war, es konnte unmöglich sein, daß es nicht war . . .

Aber auch dieser Tag verlief in Armseligkeit und Ohnmacht . . . Wie seltsam war es doch! Selbst das Wort des Klausners schien ihm nun dürr, wie tote Worte in einem Buch. Niemals hatte er sich so hilflos gefühlt, so ganz der Kraft beraubt, so jämmerlich lustlos, und er stahl sich in seine Ecke und dachte einfach: „Mach mit mir, was du willst!“

Wieder wartete er, Tage und Tage.

Mit dem heftigen Eintritt des Frostes war der Alte ganz steif geworden; er aß fast gar nicht, rührte sich fast gar nicht mehr und saß aufgerichtet beim Feuer: so schien er mit dem Winter zu erstarren, die mageren Hände auf den mageren Knieen, und all sein Leben war nun zusammengeschrumpft in den Glanz seiner Augen. Darin las Ahasverus deutlich, was er ihm einst gesagt hatte: „Sterben ist geboren werden.“ Je weiter der Traum der Ewigkeit in dem Greise aufblühte, um so strenger wurde seine Stimme, unerbittlich wie die Wahrheit selbst, und in dieser Stimme hörte Ahasverus seinen eigenen Groll gegen all das Halbe, das Laue, das Trübe, das Unvollkommene, sein eigenes stürmisches Begehren nach . . . dem Einzigen, das da mehr war denn alles. In die Klause eingeschlossen, vor dem Eremiten, der still ans Sterben ging, konnte er, ach! an nichts anderes mehr denken. O, hätte er demütig, ganz klein und demütig, jede Stunde zu einem Gebet gemacht zu jenem Licht, das niemand greifen oder denken kann, dann würden Erde und Menschen einst unter ihm versinken wie ein wenig Staub, — und dann: die einzige Wirklichkeit, in Ruhe ohne Ende! . . . Er betrachtete nur immer gespannt das unbewegliche, gelbe Antlitz des Heiligen, um in seinen Augen den Weg zu ergründen nach diesem Einen, diesem Einen! . . .

Es fiel dichter Schnee, der knisternd fror, auf diesen großen lichten Fleck, den der nackte Winterwald ganz schwarz umstand. An dem weißblauen Himmel hing eine Sonne ohne Wärme, die Luft und der Schnee glitzerten von klingend rauher Kälte, die beißend war wie Salz. Alles war tot, nur das starre Licht lebte allmächtig und unbeweglich über der Welt. Und die Tage waren nun immer einander gleich, manchmal kam es Ahasverus vor, als ob es keine Zeit mehr gäbe. Der Eremit und er, sie saßen da allein, mit dem Vorgefühl des Unendlichen in ihrer Brust.