Nur eine Regung seiner Seele gab dem allen Leben . . .
Aber dann gewahrte er doch plötzlich wieder ein seltsames Unbefriedigtsein, wie eine Schwermut, weil er nicht mehr stieg, weil sein Herz nicht weiter und immer weiter sich öffnete, weil alles nun so blieb, unveränderlich schön; und sobald er das gefühlt hatte, stand er wieder allein da, in der Zeit.
„Was fehlt mir denn noch? Was willst du von mir?“ flehte Ahasverus, „was willst du von mir? . . .“
Allerlei Gedanken und Bilder kamen wirr in ihm herauf, und darunter waren solche, die er im stillen fürchtete, und andere, die er nicht greifen konnte, wie eine Erinnerung, die immer entflieht. Aber er wollte sie zwingen: „Ich bin ihr Herr!“ rief er und richtete sein Gesicht wieder auf. In dem klaren Licht standen alle Umrisse scharf und deutlich gezeichnet, die Büsche, die alten Bäume mit ihren knorrigen Armen; — die Luft war eine einzige Leere, die Sonne schien unbeweglich auf den Schnee, alles war erstarrt in einer kristallenen, ewigen Pracht, und das funkelnde Licht war überall, — schweigend und regungslos wie der Tod.
„Hoffe ich denn nicht? Glaube ich denn nicht? Was fehlt mir denn noch? Gibt es ein irdisches Verlangen, das ich nicht hinuntergewürgt habe, zermalmt, vernichtet?“
Er kratzte sich mit seinen Nägeln das Blut aus der Brust, aus der Stirn, er wollte seinem jämmerlichen Leibe Schmerz zufügen; und während er über der Welt und über sich selbst stand, so nahe bei seinen höchsten Träumen, blieb er unglücklich, bedrückt, mit einer harten Kruste auf dem Herzen, die er nicht sprengen konnte.
„Warum kann ich das gewaltige Leben nicht fühlen, das ich ahne?“ grübelte er. „Warum stehe ich in dem grausamen Glanz dieses Winterlichtes wie in dem Tod?“
Und so irrte er wieder durch die Wälder.
Nach einer Weile kam er auf einen Weg, wo eine Zigeunerbande lagerte, fahrendes Volk von Kesselflickern, Korbflechtern, Pferdebändigern, Wahrsagern und was weiß ich nicht alles. Stramme, schwarze Kerle waren es in Schaffellen, Frauen und Kinder in bunten und grau-verschossenen Lumpen und Fetzen, ein ganzer Stamm abgerissener Landstreicher, die aussahen wie Könige; sie lagen da beim Mittagsmahl um die Feuer herum, auf denen das Fleisch briet; etwas weiter entfernt standen ihre großen überdeckten Wagen. Ahasverus fühlte seinen Magen so wässerig von Hunger: seit wie lange hatte er keine Hammelkeule mehr gesehn! Mit scheu lauerndem Blick bat er um etwas Essen, und sie lachten gutmütig, daß die weißen Beißer in ihren verbrannten Gesichtern blitzten, als sie den mageren Schächer so tapfer an den Knochen nagen und knabbern sahen. Von allen Seiten kamen diese wunderlichen Botokuden herbei, neugierig wie die Kinder, um das Wie und Was zu erfahren. Doch Ahasverus gab nur karge Antwort; seit langer, langer Zeit war er nicht mehr unter Menschen gewesen; es kam ihm vor, als ob er allem so fern stünde, eine unsichtbare Wand zwischen sich und diesen Gestalten, zwischen sich und seinem eigenen Herzen. Er guckte sie verwundert an, diese kecken Gesellen mit Augen wie Gold, die alte Hexe, die den Spieß drehte und dabei fortwährend etwas murmelte in ihrem zahnlosen Mund, und all diese Bären von Kindern und diese Frauen mit ihren kleinen Rotznasen auf dem Rücken: das waren auch für ewig Verstoßene, Wanderer ohne Land und ohne Gott; in ihren schmutzigen Lumpen trugen sie den Geruch der Erde, etwas von der wilden Weite und dem Wind vieler Gegenden, und doch bemerkte Ahasverus keine Unrast in ihrem Blick.
„Wohin geht ihr?“ fragte er. Sie wiesen es ihm: nach da drüben zu Dörfern und Städten; sie hatten Reisigbündel gekappt und wollten die verkaufen. Damit hatte Ahasverus sich wieder ausgesprochen. Ihnen folgen? Er wollte nicht daran denken: er kannte das Leben doch und die Trübseligkeit dieses Umherschweifens ohne Ziel; es war zu spät, das süße Heimweh nach dem Himmel würde er niemals wieder aus seiner Seele bannen können . . .