Bei deinem liebenden Herz, mein Frauchen!
Ahasverus ging hinter den Wagen: der Sänger war damit beschäftigt, seine Peitsche frisch zu knüpfen, und als wollte er ein heimliches Glück kundtun, winkte er Ahasverus zu dem hin, was da drinnen in dem wohlüberdeckten Wagen war. Ahasverus schlug ein Stück Segeltuch zurück und sah auf einigen Strohbündeln eine Frau liegen, die eben geboren hatte: ihr unschuldiges Würmchen hing an ihrer Brust und trank; ihr totenbleiches, eingefallenes Gesicht wollte, Mut zusprechend, lachen mit einem matten Lächeln. Aber da ließ Ahasverus das Segeltuch wieder fallen, denn in ihrem Blick hatte er etwas gesehen, das er nicht ertragen konnte, ja wahrhaftig, etwas von . . . jenem anderen . . .
„Warum befällt mich die Furcht nun wieder?“ dachte er.
Der Zug begann abzurücken mit Geschrei und Peitschenknallen und Rädergeknarr. Der Erzvater schritt voran wie ein hochbetagter Kain, der seinen umherschweifenden Stamm führte. Und als sie vorbeizogen, waren die Blicke all dieser Menschen auf Ahasverus gerichtet, und in den Adleraugen der jungen Männer, in den blutunterlaufenen und von Tränen herb gewordenen Augen der alten Weiber, in den Augen jenes wundersamen Mädchens, so einfältig wie Blumen, die sich öffnen, in all diesen Augen sah er die unbegreifliche Frage, die er, an jenem Freitag, gelesen hatte in den Augen des Nazareners . . .
„Was muß ich tun?“ flehte Ahasverus, „was muß ich tun?“ Und er rief nach Gott in seiner Einsamkeit.
Der Abend kam herauf, kalt und blau wie Stahl, und der Wind schwirrte durch den toten Wald.
War die Hoffnung gebrochen in ihm? Er hielt den Kopf in seine beiden Hände gesenkt und wollte nichts mehr sehen, nichts hören als die seraphischen Stimmen des Morgens, die er nie wieder vergessen würde; aber hinein in die unaussprechliche Seligkeit der Erinnerung hörte er nun eine andere Melodie, die er nicht bannen konnte, verschwommen klagen: wie das Rauschen eines Meeres, aus dem bisweilen ein Seufzer sich losreißt, oder der Lärm von vielen Menschen, die ganz in der Ferne schwermütig singen. Waren es die Zigeuner auf ihrem Weg da hinten in der Nacht? Oder der Wind in den Bäumen? Oder quoll es auch in ihm selbst auf wie eine Erinnerung?
Wie lastete ihm das Herz doch schwer in seiner Brust!
War dies alles eine Versuchung gewesen? Warum hatte er die Klause vergessen? Er wußte doch, daß dort die Wahrheit war; dort war er nicht der Raub seiner Unrast. Vielleicht war der Eremit tot? . . . Ahasverus stieg wieder zu der Höhe hinauf, wo das Hüttchen stand, und durch das Laufen nach einem Ziel kam endlich eine gewisse Ruhe in sein Gemüt.