Er betete: „Wärs denn möglich, daß ich noch etwas anderes schmecken könnte als dich, o Gott? Was muß ich tun? Ich werde keinen Willen mehr haben in meinem fleischlichen Leibe, bis er unbeweglich wird wie ein Stein, und werde warten, warten, ohne nur ein einziges Mal nach unten zu blicken, ganz dir zugekehrt, o Unerschaffenes Licht, bis du mich mit Blindheit schlägst und deine blitzende Schönheit mich befreit . . .“
Er erreichte die Rodung, wo die Klause dunkel stand unter dem beschneiten Dach. „Das Feuer ist aus,“ dachte Ahasverus; „er ist gestorben . . .“ Der Gedanke an den Tod verbreitete in ihm ein süßes Gefühl von Heiterkeit und Heimweh zugleich. Aber einen Augenblick blieb er stehn, so wundersam still war der Schnee und diese ganze funkelnde blaue Nacht voll diamantener Sterne, als wäre da überall das Schweigen von Engeln, die ihre Riesenflügel nicht bewegten und lauschten und warteten.
Ahasverus trat in die Klause: in der Klarheit der frostklingenden Nacht sah er das alte Antlitz noch immer hintenüber gebeugt und die Augen weit offen. Doch der Eremit war nicht tot; seine abgemagerte, kalte Hand suchte die von Ahasverus und packte sie fest mit einer unerwarteten Kraft. Das Herz klopfte noch sehr schwach: war es nicht, als hätte er auf Ahasverus gewartet, um zu sterben? Sollte dieser Tod ihm vielleicht das Rätsel des Lebens offenbaren?
„Was siehst du?“ rief Ahasverus, „was hörst du? Sag, sag, siehst du Gott? . . .“
Er beugte sich stammelnd über ihn und forschte in dem Spiegel seiner Augen, ob er dort das Unaussprechliche nicht sehen würde, das der Sterbende sah. „Rette mich! . . . Was muß ich tun? . . . Rette mich! Weise mir den Weg! . . .“ — Nein, nichts! Einen Augenblick noch, und es war zu spät, er blieb da stehn wie vor einer undurchdringlichen Mauer.
„Siehst du das Licht? . . . Weise mir den Weg! . . .“
Die Augen waren gebrochen. Ahasverus wagte nicht mehr zu sprechen. Alles schwieg. Er fiel auf die Kniee nieder, und seiner Seele entquoll ein wortloses Gebet; all die Kräfte seines Wesens wurden leichter, wie ein Gebet, das emporsteigt, und es war, als ob er selbst sterben sollte, so sanft wurde er erlöst von allem, was war.
Er fand es nicht wunderbar: „Ist der Tod denn nichts anderes?“ dachte er; „wie natürlich und einfach! . . .“ In der schaurigen Öde hielt ihn jemand bei der Hand, und dann schlug er den Blick auf; der ganze Raum, der unsagbar weite Raum zitterte von Flügeln und niedersinkendem Licht. Ein Gefühl seliger Gewißheit überströmte seine Sehnsucht und seine Angst. „Gott! Gott!“ Aber sein Atem war aus ihm gesogen, er stieg in schwindelndem Fluge empor, und er sah da oben, wie Windhosen mit ihm zur Höhe wirbelnd, leuchtende Schwärme singender Heerscharen. Aus den Abgründen des Zenits schwebten, schwankten ihm strahlende Antlitze entgegen, triumphierend in Freude ohne Ende, und schossen dann wieder pfeilschnell zu ihren klingenden Sphären. „Licht! Licht!“ sangen sie, und dieser Gesang war selbst ein fliegendes Licht, und alle Welten sangen mit in der Reinheit dieses ewigen Morgenrotes, in das sie höher und höher hineinstiegen; und andere Stimmen, höher noch, ganz zart, wie ein Seufzer, und mächtiger doch als die dröhnenden Chöre der himmlischen Heerscharen, sangen unaufhörlich „Gloria! Gloria!“ in die blendende Unergründlichkeit.
„Leben, das alles Leben ist! Ewig! Ewig! Ewig!“
Die Cherubim und Seraphim waren wie Millionen schneeiger Blüten, getragen vom Frühlingswind; und über alle Gesänge hin rauschte ein Schweigen, das noch tiefer und schöner war. Alle Himmel blühten auf, und nun wußte Ahasverus, daß er dem Reich des Geheimnisses nahte, wo die Worte keine Bedeutung mehr haben, wo nicht Gut und Böse mehr ist, kein Wille, kein Begehren, sondern alles ein Ozean von einfachem und ewigem Sein im Lichte, und die frohe Regung der Liebe nur eine Form der höchsten Ruhe in der unbegreiflichen Wesenheit.