Er schloß seine Augen vor dem Furchtbaren Licht, in dem es keinen Morgen mehr geben würde.
Und in diesem Augenblick tastete er nach einer Erinnerung, hörte er wieder den fernen Klang einer schwermütigen Melodie, die in seinem Herzen eingeschlossen lag, — und er wollte sich umschauen, zum letztenmal. Aber sobald dieser Gedanke ihn durchschimmerte, wankte das Weltall, wie zerrissen durch einen gewaltigen Schrei, die Hand hatte ihn losgelassen, — er war allein, er wußte nicht wo . . .
„Ewig! Ewig! Ewig!“ klang der Gesang der Engel aus dem Abgrund über seinem Haupt.
Aber andere Stimmen riefen wirr zu ihm hinauf wie aus vielen erstickten Kehlen. Und stöhnend blickte Ahasverus nach unten, nach einem Dämmer, woraus verschwommene Gestalten aufstiegen, die ihre Arme nach ihm ausstreckten wie aus einem Grab.
„Hosianna! Hosianna! Gloria in alle Ewigkeit!“
Aber ein langgezogenes Jammern stieg von unten herauf, wo verkrüppelte Gestalten im Schmutze krochen oder sich aufrichteten in dem aufgerissenen Leichenkleid, das sie hinter sich herschleppten.
„Gloria! Gloria! Friede in alle Ewigkeit!“
Aber von unten, wo die Krankheit war und der Gestank, der Widerstreit von Hoffnung und Verzweiflung, das Suchen ohne Ende, der Menschen Leid und der Menschen Liebe, schlug ein Heulen auf wie der Lärm eines Festes. In dem wühlenden Dunkel sah Ahasverus Fäuste, die sich fluchend erhoben, und Augen, in denen die düstere Flamme des Aufruhrs brannte. Waren da nicht die Zigeuner und das wundersame Mädchen mit ihrem Traumgesicht und die bleiche Mutter mit dem Kind an ihrer Brust? Aber ein ganzes Heer war da, es kamen immer, immer neue, soweit man schauen konnte, wie Ströme in einem dunklen Tal, über dem große Raubvögel von Nacht und Licht kreisten: ein Meer von Gesichtern, mit tausend und aber tausend Augen, die auf Ahasverus gerichtet waren, und mitten darin stand Einer, den er wohl kannte, der mit beiden Händen das Blut aus seiner offenen Brust aussprengte nach dem Himmel und über alle, so daß seine Arme jedesmal weit geöffnet waren, wie am Kreuze, und auch er betrachtete ihn still, wie an jenem Tag, da er gerufen hatte: „Vater, warum hast Du mich verlassen?“ und doch ein unbegreifliches Lächeln aus seinem Antlitz strahlte.