Und auf einmal sah Ahasverus, hier, und dort, und dort wieder, Spalten von Licht: die Welt! die Weite! Sein Herz klopfte, stammelnd lief er, die Augen gierig voraus gerichtet, und stand bald betäubt am Waldessaum: das Land lag vor ihm, unabsehbar, mit Höhen und Flächen und Dörfern und Wäldern, alles noch im frischen Nebeldunst der Frühe, und am Horizont, in dem stillen Feuerwerk, das durch langgestreckte Wolken aufglühte, stieg die Sonne, wie eine gläserne Kugel, in der eine Flamme glomm.
Von dort kam eine leichte Brise auf, und der junge, lichte Tag zitterte überall. Die Welt schien ohne Ende; die Äcker waren schon ein mattes, zottiges Grün oder lagen noch nackt und fett, violett schimmernd im rauhen Morgen, längs heller, roter Pappeln; und in den Mulden drängten sich weit und breit zwischen Obstgärten die rotgedeckten Häuschen zusammen, mit ein wenig Rauch, der in Fasern aus dem Schatten abzog. Dahinter vermutete man ein Tal, und dann erhob sich Hügel an Hügel die gläsern-blaue Ferne, wo der Turm einer Burg auf einer Anhöhe in die Luft ragte und Mühlen sich eifrig drehten, um Brot zu machen mit ihren vier Armen. Doch wo die Sonne aus ihrem sauber gewaschenen Himmelstor die Erde überglänzte, die noch feucht war von der Nacht, da zerfunkelte alles zur reinem Gold. Einen Augenblick kämpfte sie gegen Dünste, hinter denen sie fahlgelb schwelte, denn der Wind kam stärker wieder, blies mit vollen Backen, die Wolkenstreifen kräuselnd, und Schatten flogen übers Land mit schnellem Flügelschlag; aber dann schoß sie von neuem empor wie ein ewiger Springbrunn und blinkte von sprühender, triumphierender Herrlichkeit.
Die göttliche! Es war, als ob das „Hosianna!“ der Engel in ihr nachsang, der furchtbare Gesang von Licht, der nicht schweigen konnte. Ahasverus’ scharfe Augen wollten ins Herz der Sonne schauen, aber sie stach blendend mit allen ihren Speeren, und er mußte den Blick wieder abwenden; nur ihren Widerschein ertrug er auf dem Saum der Luftkolosse und über der baumreichen Erde, die so erhaben und fruchtbar dalag, daß ihre Schönheit ihn traf wie die Schönheit einer Frau.
Sein Herz lief über von ungekannter Rührung; er trank wollüstig den Wind, der alle Dinge umgriff, und den Geruch des kalten, schweren, gärenden Bodens. Ja, er wußte es, er hatte recht getan! Ja, vermaledeit auf diese Erde geschleudert, fühlte er sich als Überwinder, das trotzige Leben rauschte durch sein Blut; und doch, in der Lauigkeit des weiten Raumes, die seine Schläfen umfächelte, den Kopf umzittert von den Saiten der Sonne, — wie stand er so klein und verloren da vor dieser Welt, die die Welt der Menschen war! Und warum schlich sich in sein begehrendes Staunen die Wehmut wieder, — je schöner die Erde, um so heißer diese Wehmut, — wie wenn in den Tiefen seiner Seele ein Gott schlummerte, dessen Träume dort trübe flackerten, und der niemals, niemals erwachen würde!
O, bei Menschen sein, mit Menschen sprechen! . . .
Im ersten Dorf, in das er kam, waren die Lehmhütten, grau und schief gesunken unter ihren Strohdächern, aneinandergelehnt, als wollten sie sich gegen das Unglück wehren. Einige Kinder bummelten zur Schule in ihren Holzschuhen; eine Frau scheuerte ihre Schwelle und sah mißtrauisch zu dem fremden Landstreicher hinüber. Weiter, vor der Schmiede, waren zwei Gesellen dabei, ein Pferd zu beschlagen, und gegenüber lag der Wirt eines Kruges mit seinem Backsteingesicht über seiner Halbtür und rauchte; sie gafften den wunderlichen Vogel an und getrauten sich nicht zu spaßen. Und dann war da ein Haufen Mädchen, die mit lautem Geplapper in einem Bach Wäsche spülten: sie verstummten plötzlich, als Ahasverus vorüberschritt. „Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche“, dachte er. Er schämte sich seiner knochigen Gestalt in dem zerlumpten Mantel, seines Zuchthäuslergesichts, seiner bloßen, verdreckten Füße, seiner Schlotterhose, durch die man die Haut sah.
Und er wagte nicht zu betteln; nun er sich wieder unter Menschen befand, hatte er auf einmal Angst bekommen, daß sie ihn mit einem rauhen Wort abweisen würden. Er lief weiter.
Das Wetter war trüber geworden: dann und wann flitzte die Sonne noch durch den treibenden Vorhang und brannte die blauen Tiefen offen, aber als sie wieder erkaltet war und umflort, wurde es auf einmal rauh, als ob es hageln wollte; der Wind tollte in Stößen über die spärlich grünenden Äcker, und unter dem Flug der Regenwolken sah die Erde beinah verlassen aus: nur hier und da ein Bauer, der Mist über sein Land streute oder Rinnen grub für den Abfluß des Wassers. Das ganze Land war in Stücke zerschnitten: dies gehörte Jan und das da Peter, dies hier war für Rüben und das da für Weizen und jenes für Roggen, und nirgend ging ein Plätzchen verloren. „Nur weiter, weiter!“ knurrte Ahasverus.
Hinter den schwarzen Leibern krumm gemarterter Apfelbäume sah er die spitzen Dächer eines großen Pachthofes aufragen, der dunkel gegen den silbernen Himmel stand wie eine Burg. Er ging darauf zu. Mürrisch und schielend stand er vor dem Tor: in dieser stillen Umzäunung von Ställen und Scheunen, alt und braun, wo der Hahn mit seinen Hennen auf dem Misthaufen der Herr zu sein schien, war eine Frau, die unter einem Schuppen bei den Wagen das Essen für die Tiere kochte; zwei Männer luden eine Fuhre Rübenkraut ab, ein Mädchen ging, in jeder Hand einen Eimer, über den Hof, die Bäuerin hing die Käsekörbe in Reihen an das Haus. Sie blickten flüchtig auf, und jeder tat gemächlich seine Arbeit, wie Menschen, die die Pflicht des Tages kennen. Aber als Ahasverus ein paar Schritte vorwärts tat, sprang plötzlich wie aus der Mauer heraus ein häßliches Biest von einem Hund, der laut bellte und wütend an seiner Kette riß. „Der Teufel soll dich holen!“ fluchte Ahasverus — und begab sich wieder auf den Weg.
Die alte Empörung begann in ihm zu grollen. „Schön! Ich werde mir meinen Platz mit meinen Krallen schon erobern!“ beschloß er. Und da war nun just, bei einer abgelegenen Hütte, eine Frau, die ihren Küken Körner hinstreute. Sie sah ihn kommen und blieb in ihrer Türe stehn. „Die soll dran glauben“, war sein erster Gedanke. Er wollte sich schon holen, was er brauchte, wenn sie es nicht gutwillig hergab, — er wollte sie packen, er wollte in ihrem Fleisch wühlen, sie fühlen lassen, daß er ein Mann war, und er wollte ein Mensch sein! . . .