Er machte eine mutlose Gebärde, als würde es zu weit führen, das zu sagen, — und als sein Wanderstab dann wieder auf dem endlosen Wege hallte, schlich sich eine seltsame Gelassenheit in ihn hinein, seine Erregung war geschwunden, er fühlte sich als ein Nichts, mittreibend auf einem Strom, aber ohne rechte Hoffnung oder auch Verzweiflung. Nur immer wandern, aufs Geratewohl! Die Sonne siebte wieder flüchtige Lichtflecken über die Felder, und eine Lerche trillerte unsichtbar in dem grauen Licht.
So blieb Ahasverus auf der Walze. Er fand nichts zu tun: die Bauern hatten ihre Leute, sie sahen ihn schief an, den Vagabunden, und zuckten die Achseln, wenn er sich für alle mögliche Arbeit anbot: man fiel doch nicht so einfach aus dem Himmel herab! Nur bei den Ziegelbrennern, abgerackerten Kerlen, durfte er ein bißchen mithelfen, wurde aber noch vor dem Abend an die Luft gesetzt. „Solch ein Gepfusch kriegt ja ein Schwein mit dem Schwanze fertig!“ meinte der Meister. Und als Schuhflicker konnte Ahasverus da auch keinen Pfennig verdienen, denn all diese armen Teufel liefen nur ihre bloßen Fußsohlen ab. Nun er mit seinesgleichen leben wollte, war er doch nirgend zu Haus. „Das ist nur natürlich“, dachte er mit bitterer Wehmut. Alles Tun und Treiben der Menschen war einmal so eingerichtet, es war auch kein Plätzchen mehr da, wo man nur so hineinschlüpfen konnte. Und wie mußte in der Erde herumgewühlt werden, bald auf diese Weise und dann wieder anders, um die Äcker dahin zu bringen, daß sie ihr bißchen Brot trugen! An der Weizenähre, die geduldig, geduldig wächst, lernte Ahasverus, wie lange Sonne und Regen und die Sorge von Menschenhand zusammen wirken mußten, ehe das Mehl aus der Mühle kam. Und so war es mit allem, was auf dieser Erde wuchs; das Leben kannte keine Hast und hatte seine eigenen Wege. Aber mit dieser Weisheit durfte Ahasverus sich vorläufig an muffigen Rüben gütlich tun.
Durch sumpfige Marschen gelangte er endlich zu einem breiten Strom, wo wohl tausend Arbeiter einen Deich bauten, und er wurde in dies gewaltige Treiben aufgenommen, um eiserne Loren voll Kies mit gespannten Muskeln vorwärtszuschieben: das war ja so etwas für ihn!
Man hätte meinen können, daß dort ein ganzes Heer herabgefallen war, um die Erde aufzuwühlen: es lag eine Menschenmenge da und mühte sich ab in den Gruben und Laufgräben, voller Schmutz und die Füße in dem gelblichen Schlamm. Hier wurde eine schräge Steinwand gegen das Wasser gemauert, dort rammten sie Pfähle wie Baumstämme in den Boden: ihrer zwanzig oder dreißig hingen halbnackte Fronknechte an den Tauen, stießen bei jedem Ruck einen rauhen Schrei aus und ließen dann den Block wie einen Donner niederdröhnen. Dazwischen das Rollen der Sandkarren, das Pfeifen von Aufsehern oder das befehlende Rufen von Werkmeistern, und alles ging im Takt. Es war da ein ganzes Dorf von hölzernen Baracken, Schuppen und Kantinen, und wenn die Sonne durch den Dunst des flachen Landes niedersank, dann schien all dies geregelte Schuften längs des trägen Gewässers, das sich buchtend in die Ferne schob, wie in einem Dampf von Schweiß zu stehen.
Am ersten Tage, bei der Eßpause, hatten einige harmlose Sticheleien den Neuling begrüßt, den mageren Hungerleider. „Das war zu erwarten“, dachte Ahasverus, aber er sah den Kerlen frei in die freien Augen: er ließ sich hier nicht hinausschmeißen, denn er fühlte, daß er bei den Seinen war, Verstoßenen, die den Bauch voll Elend hatten und harte Gesichter, aus denen finstere Kraft ihm entgegenglomm.
Wartet nur! Er wollte schon zeigen, daß Mumm in ihm saß, er hatte zwei Arme an seinem Leibe, er stand seinen Mann! Laßt sie nur kommen! Und gearbeitet sollte werden, daß die Lappen flogen! Was war das nun endlich für eine Veränderung: er kannte wieder die Freude an der warmen Körperarbeit; er war glücklich, als er, gestützt auf den Fuß, der sich tief in den Sand grub, die schwere Last zum Weichen brachte vor dem hartnäckigen Druck seiner Hände; und wenn er am Ende des Weges sein Wägelchen umkippte und, sich die Stirn wischend, einen Augenblick Atem holte, lachte er schweigend dem Kameraden zu, der mit verhaltenem Keuchen schiebend hinter ihm ankam. Sein Blick ging weiter über das Land, folgte dem Widerschein des hohen Lichts auf dem Strom, und alles hatte ein neues Aussehen für ihn. Er war zufrieden, daß er nicht mehr allein war.
Aber wenn er dann am Abend erschöpft in der sauer-dumpfigen Baracke lag und die armen Schächer überall die Lehmwände entlang auf ihren Strohsäcken liegen sah, zusammengesunken vor Müdigkeit, den Mund geöffnet in einem Gesicht, das die Farbe der Erde hatte, dann begann wieder ein dumpfes Weh ihn zu lähmen um dieses Dasein ohne Traum, von dem er nun ein Teil geworden war. Er war nicht mehr allein, er wußte fortan, daß allein zu leben nicht möglich war; aber in welche Trübseligkeit waren sie nun alle eingeschlossen! Warum all dies Schuften und Sichabschinden, ohne einen Ausblick? Wie ertrugen diese Ewigblinden ihr Leben? Aber wie ertrug er selbst es? Er, einer von diesen tausend . . .
Und der unbezwingliche Brand in seiner Brust verzehrte ihn. Doch dieser Schmerz war ihm nun beinah willkommen. „Ich habe ihn wahrscheinlich nötig,“ dachte er, „und wer weiß, durch was ich noch hindurch muß, um alles zu vollbringen! Leide nur, mein Junge, was du leiden mußt; so fühlst du, daß du lebst! Und bleibe nur bei der Stange, du bist hier an deinem Platz!“ Denn wie er sich auch abquälen mochte, dies wenigstens stand nun unverrückbar fest in seinem Herzen: daß er durch eine Welt ging, die kein trügerischer Alp ihm geschaffen hatte, daß dieser Weg der rechte für ihn war, wohin er auch führen mochte . . . Und er dachte dabei an die Weizenähre, die so geduldig wächst, als wäre sie die Weisheit selbst.
Unterdessen kam der Vorfrühling und ließ in den Morästen ein geheimnisvolles Brüten und Bollern von Pflanzen und Tieren sich regen und im Herzen der Menschen das süßbittere Verlangen der Liebe schwellen. Wenn am Sonnabendabend ein Teil nach Hause zog, zum Dorf, wo ihre Frau oder ihr Schatz sie erwartete, verfielen die andern in trübseliges Träumen oder in allerhand tierische Gelüste. Übrigens war jede Kantine ein Hurenstall, wo bei Bier und Schnaps gehörig geküßt und geknutscht wurde, bisweilen auch mit Messern gestochen, wenn die Kameraden zu sehr in Hitze gerieten. Ahasverus, der sich eine andere Art von Brüderlichkeit vorgestellt hatte, fühlte sich wie einer, der die Arme ausstreckt und niemals etwas zu greifen vermag, und dachte in seinem Innern, wie schön es sein würde, wenn er das zarte, warme Leben einer Frau an das seine drücken konnte und das Klopfen ihres Herzens fühlen, wie in sich selbst . . .