So versteht ihr, daß er in der schmierigen Holzbude, wo sie des Abends, die ganze Rotte, ihre Suppe schlabberten, die junge Dirne, die sie zu bedienen hatte, schweigend verfolgte mit Blicken voll finsterer Glut, denn sie hatte ein Paar liebe und unverdorbene Augen in ihrem Gesicht, das hellbraun war wie eine goldene Traube, und in ihren Bewegungen etwas so lieblich Eigenwilliges, das Feuer und die Flinkheit einer Hinde. Wenn sie auch tat, als ob sie Ahasverus nicht bemerkte, so war sie doch ein wenig bange geworden vor diesem Sonderling, es war ihr, als ob er einst Unheil über sie bringen würde, und zugleich mußte sie doch, insgeheim, ein wenig zu ihm hingucken. Was wollte er denn, der sie nicht einmal anredete?
Aber die Frühjahrssonne in ihrer ersten Kraft weckte zugleich noch etwas ganz anderes als Leben und Liebe: aus dem umgewühlten Schlammboden sprang ein seltsames Fieber auf die kräftigsten Arbeiter und ließ sie nicht wieder los. Sie schudderten, ihre Augen glänzten aus der trockenen, durchscheinend gelben Haut ihres Gesichts. Zwei hatte man schon in einem Wagen abgeholt, damit sie sich anderswo erholen sollten; aber danach lagen wieder vier oder fünf am Abend im Schüttelfrost, gleichgültig gegen alles, was um sie herum vorging, wenn man ihnen nur zu trinken gab, denn sie brannten von kratzendem Durst; und auch die mußte man sogleich wegbringen. Die Männer bekamen Angst vor diesem unsichtbaren Feind und begannen zu murren, aber das half nichts.
So geschah es, daß ein strammer Bursche, der seine Kameraden als furchtsame Hasen ausgelacht hatte, selbst ergriffen wurde; aber er wollte sich aufrecht halten, trank viel Genever, „um das Fieber in seinen Beinen zum Sinken zu bringen“, und blieb unbeirrt scherzend bei seiner Arbeit, beim Graben. Er scherzte nicht lange: nach einem dieser Apriltage voll kalter Regenschauer und stechender Sonne ließ er die Schaufel aus den Händen gleiten, und bald lag er da wie ein Haufen Lumpen, zuckend vom Fieber, mit starren Augen, die etwas im Himmel suchten. Von allen Seiten eilte man hinzu mit wirrem Gerufe; ein alter Arbeiter hatte den Kopf des Unglücklichen ein wenig hochgehoben und sagte: „Hol zu trinken!“ Ahasverus eilte zu seiner Kantine.
Er fand dort nur die Dirne, die hintenüber an die Wand gelehnt fest eingenickt war in der ungewohnten Stille des leeren Saales, und er mußte schweigend eine Weile vor ihr stehen bleiben, so unschuldig atmend schlief sie, schon wie eine wilde Blume, die im Dunkel eines Waldes duftet.
Als er sie vorsichtig geweckt hatte, indem er ihr schwarzes Haar mit seinen Fingerspitzen berührte, sah sie ihn an wie aus ihrem Traum, verwundert über den gedämpften Ton dieser Stimme. Dann erst begriff sie auf einmal, was er sagte, — einen Augenblick blickten sie einander unbeweglich an, offenen Angesichts, den Gedanken des Todes über sich.
Sie ging mit ihm zu der Grube zurück, wo der Sterbende lag. Der Mann, der den Kopf hielt, starrte finster wie ein alter Wolf, und die andern wagten nicht mehr laut zu sprechen, sie standen unschlüssig da mit herabhängenden Armen.
„Genever?“ fragte einer. „Nein, Milch!“ antwortete das Mädchen und versuchte niederkniend die Flüssigkeit zwischen die geschlossenen Zähne zu gießen; aber sie lief die Mundwinkel entlang über das Kinn und die Brust, auf der die stachligen Haare zottig in dem wächsernen Fleisch standen, das schon tot schien. Ahasverus sah widerwillig auf den mageren Körper: es war, als ob diese Hände, die in die Erde griffen, und diese schmutzigen Füße, die nur immer leise tanzten, nicht mehr dazu gehörten, so unnatürlich groß erschienen sie nun; und er merkte, wie unter dem Staub und dem Schmutz des Gesichtes sich eine furchtbare Blässe verbreitete.
„Wir müssen ihn hineintragen, Hein!“ sagte das Mädchen; und in der Baracke, während die Männer, nicht wissend, was sie machen sollten, dastanden — immer mehr drängten sich hinzu —, tat sie schweigend, was zu tun war, machte die Strohsäcke und die Decken zurecht, half den Jungen aufnehmen unter seinen eckigen Schultern, um ihn besser zu legen, und wusch mit frischem Wasser sein Gesicht ab, auf dem nun etwas kalter Schweiß perlte.
Inzwischen waren ein paar Werkmeister erschienen, die kurzen Prozeß machten: „Luft muß er haben, — was steht ihr da und gafft, ihr Lohndiebe?“ Und sie trieben die murrende Herde wieder nach draußen, zu ihrer Arbeit.
Aber die Angst vor dem Tode hatte die Arbeiter beschlichen, einige von ihnen fluchten, sie würden keine Hand mehr ausstrecken, und Aufseher mußten dazwischenspringen, um den Kram wieder in Gang zu bringen. Nur Hein, der alte Isegrim, hatte kein Wort gesprochen: er war geradewegs zu seinem Platz gegangen, wo der andere umgefallen war, und fuhr fort, mit zähen Lendenstößen seinen Wagen zu füllen; und Ahasverus sah in seinem Blick eine düstere, herausfordernde Willenskraft, als ob die Gefahr ihn aufgepeitscht hätte. So kam auch in ihn mit einemmal ein trotziges Leben, das ihn größer machte, und alles, was er nun gesehen hatte, floß zusammen in ein neues Gefühl, das weder Schmerz war noch Freude, vielmehr etwas weiteres als diese beiden, eine Art bitteren Glücks, eines Glücks, das ohne Hoffnung, ohne Täuschung war und sein Blut doch wärmer klopfen machte.