Als der Mann eine halbe Stunde später weggebracht wurde, um wo anders zu sterben, war die Arbeit mit ihrem vielfältigen Lärm überall in gewohnter Weise wieder aufgenommen.
Dann sank die Pracht der Sonne hinter Wolken, die von rosigem Licht gesättigt waren und sich auftürmten bis zum höchsten Himmel, und aus dem feurigen Mund des Horizonts schauerte der Abendwind über den Strom.
Wieder ein Tag zu Ende! Die Arbeiter, die an ihrem Hunger wohl merkten, wie spät es war, waren froh, daß sie ihr Arbeitszeug bis morgen niederlegen durften. In der Nacht würde hier nichts mehr sein als das sanfte Rauschen des Rieds und das Klatschen des Wassers, das immerfort hinabfloß zu anderen Gegenden. Ahasverus, der seinen letzten Wagen leer zurückgerollt hatte, blieb einen Augenblick stehen und dachte an all die Menschen, die da drüben, in den fernen Dörfern und Städten, unzählbar, jung oder schwer von Jahren, nun in den Abend hineingingen, — unbekannt, hier weinend und dort lachend, jeder mit seinen Heimlichkeiten.
Hein, der mit seinem verwitterten Gesicht und den beringten Ohren voll Büscheln weißen Haares fast aussah wie ein alter Matrose, stand auch da und sah mit scharfem Blick über das weite Land. Und er sagte zu Ahasverus:
„Das wird hier noch schön werden, wenn wirs erst mal trocken gekriegt haben.“
Ahasverus begann zu sinnen und verstand das große Werk: die Stauung der stummen Gewalt der Flut, die geduldige Geschäftigkeit einer ganzen Bevölkerung, wo jetzt alles so verlassen war; er sah die Saat gesät, das Korn, das aus der tiefen, dunklen Erde emporwächst, langsam gedörrt und reifend im Wechsel des Wetters, Brot für die Menschen; und vom Deiche aus würden die jungen Burschen, an einem Abend wie dieser, nach den Schiffen ausschauen, die von der See kommen.
„So machte ich also, einer von diesen tausend, einen Teil aus von einem schönen Traum,“ sann Ahasverus, „so wäre ich mit diesen tausend das Werkzeug, wodurch ein schöner Traum verwirklicht wird . . .“
Wie dieser Gedanke in ihm Klarheit gewann, atmete er freier, als sei die Welt weiter geworden und zugleich vertrauter, die geringsten Dinge bekamen ein lieblicheres Ansehen, — und dann kam von selbst wieder in sein Herz das Bild jenes Mädchens mit ihren jugendlichen, ungezwungenen Bewegungen und dem stillen Ernst ihres lachenden Gesichts.
In der Kantine gab es, beim Essen und mehr noch beim Saufen darnach, ein mächtiges Summen und Rumoren, denn der Meister hatte ein paar Dutzend Dickköpfe nach Hause geschickt, die gegen ihn rebelliert hatten, und die Kameraden stachelten, erhitzt durch das Pfeffergetränk, einander mit Flüchen und Verwünschungen auf in dem dicken Rauch, worin eine Petroleumlampe trübselig brannte. Das Mädchen schenkte ein und lief zwischen den Bänken dahin, wo sie gerufen wurde, — „Lene! he, liebes Lenchen!“ — flink sich umdrehend, überall zur Hand mit ihren kecken Augen, gekniffen vom einen, umfaßt vom anderen, aber immer frei und unbekümmert, und in dem Lärm erklang bisweilen ihre spottende Stimme, wie ein Glöcklein in der Luft. Über den Schenktisch lehnte der Wirt der Baracke, wie gewöhnlich sternhagelvoll, ein Riese von einem Kerl, mit einer fürchterlichen Narbe quer übers Maul.
Ahasverus sah von seiner Ecke aus, gegen ein Fenster gelehnt, das sich in die laue Nacht hinein öffnete, lauernd zu Lene hinüber mit einer Art verdrießlicher Ergebung; aber die schweigende Frage, die unerträgliche Frage mußte wie immer in seinem Blick sein, denn: