„Habe ich dir etwas gestohlen?“ scherzte Lene plötzlich, gereizt ausfallend, gerade vor ihm.

Ahasverus begriff nicht, was ihn so peinlich furchtsam und schwach machte; er wurde ärgerlich gegen sich selbst und hätte ihr beinahe zugeschnaubt: „Was ist los, Hurenbalg? . . .“ Aber es war, als ob sie es fühlte; sie errötete, und einen Augenblick sahen sie einander an wie zwei Feinde, die sich kampfbereit gegenüberstehen, die ein Geheimnis in des anderen Gesicht zu lesen trachten, — wie zwei Liebende, die einander Leid zufügen wollen in der Seele, um das Geheimnis herauszubrechen, damit es reden sollte . . . Sie hörten den Trubel nicht mehr, für sie war es da in diesem Augenblick so still wie an dem Nachmittag, als der Gedanke an den Tod da war . . . Doch ihr Blick zauderte dann und wich zurück und schien fast um Verzeihung zu bitten.

„Warum hast du Angst vor mir?“ sagte Ahasverus mit gedämpfter Stimme.

„Ich habe keine Angst vor dir“, antwortete sie kurz. Er griff sie bei den Handgelenken, aber sie kehrte ihr Gesicht ab, wollte sich kleinmachen, weg sein.

„Lene . . . Lene . . .“

„Laß mich, wie ich bin! Laß mich, wie ich bin! . . .“ Und dann sagte sie leiser, wie jemand, der Furcht hat: „Was könntest du wohl mit mir tun?“

Sie hatte sich sanft losgemacht und blickte dann doch ein wenig zu ihm auf mit einem unbewußten Lächeln, aber es war, als ob sie in diese Welt voll lärmenden Gewühls, das sie umgab, nicht zurückflüchten und auch Ahasverus’ Blick nicht ertragen konnte und sich an ihn hätte pressen mögen, daß er sie nicht sähe, daß niemand sie sähe . . .

Sie hörte wieder das Gemurre und Geschrei, das den Saal erfüllte, — Lene wurde gerufen und lief, die Kerle brüllten immerfort. Einer unter ihnen fuhr sie, gebückt und den Kopf vorgestreckt, an, daß sie Memmen seien:

„Wir gehn hier kaputt! Sie dürfen — verflucht noch mal! — uns nicht behandeln wie Tiere! . . .“

„Was sollen wir machen?“ schimpfte ein anderer, „mit dem Kopf gegen die Wand rennen? Sie sind doch allemal stärker als wir! . . .“