Die einjährige Adelaide wurde zur Gespielin und Jugendfreundin der Prinzessin Mathilde — welche nur um 8 Monathe früher das Licht der Welt erblickte — bestimmt. Selbst als Alexis wieder zurückkam, mußte er sich bequemen im fürstlichen Schlosse zu garnisoniren, wollte er bei seiner Gattin wohnen, denn man lieferte ihm Ludmilla nicht aus.
Diesem war die Gelegenheit zur Ermunterung für die sonst so Schwermüthige, der wirklich innige Freundschaftsbund zwischen ihr und der Fürstin keinesweges unangenehm; die stille Häuslichkeit, die duldende Sanftmuth, die alles überwiegende Zärtlichkeit für ihn, nebst dem Vertrauen auf seine eben so ungetheilte Liebe, waren seinem zarten Bewußtsein nicht selten der bitterste Vorwurf. Sie hatte sonst für keine andre Wünsche, keine andere Sorge Raum, als für ihn und ihre Kinder; keinen andern Gegenstand ihrer Liebe und Vertraulichkeit als ihrem Gemahl. Jetzt erforderte das Hofleben, der stete Umgang mit der fürstlichen Familie, ungeachtet die möglichste Zwanglosigkeit hier schon längst der steifen Etiquette den Rang abgewonnen, weil Fürst und Fürstin Geist und Herz genug besaßen, um sich vom erstern mehr Genuß zu versprechen, als vom Schaugericht der Letztern — doch mehrere Aufmerksamkeit außer sich und ihren eigenthümlichen Verhältnissen. Ludmilla sah, daß sie ihrem Gemahl in ihrer jetzigen Sphäre gefiel; er sagte ihr so viel Erfreuliches über ihr artiges Benehmen; den feinen Ton, in den sie sich so bald und mit so viel natürlicher Grazie gefunden hätte, daß Ludmilla, für welche diese Liebhaber-Sprache ihres angebeteten Alexis einen ganz neuen Zauber hatte, sich in dieser Rolle glücklich schätzte. In den Armen ihres Gemahls, an der Hand ihrer fürstlichen Freundin vergaß sie bald gänzlich die Reitze eines stillen anspruchlosen Lebens im einförmigen Kreise der Häuslichkeit. Oeftere Berufsreisen des Gouverneurs lehrten sie, nach und nach ruhig und ohne Unterbrechung ihres Vergnügens, seine Abwesenheit ertragen. Adelaide wurde mit Prinzeß Mathilde erzogen; beide liebten sich in kindlicher Unschuld wie Geschwister, und Baronin Treval — ihre Gouvernante — wie ihre Mutter.
Theodor, Alexis ältester Sohn, sollte gleiche Rechte an der Seite des Erbprinzen genießen; aber hier fand nicht die Harmonie der Herzen so statt, wie bei Mathilden und Adelaiden. — Und diesmal lag die Schuld nicht an dem Fürstensohn, oder an dessen Hofmeister, der etwa den Erbprinzen auf Kosten seines Gespielen unbilligerweise secundirte. Prinz Louis besaß Herzensgüte und Ausdauer der Freundschaft; Stolz, Hartnäckigkeit, Eigendünkel konnten, wenn der Fehler auch in seiner Seele gelegen hätte, zu keinem Aufkommen gelangen, da sie der brave Mann, dem glücklicher Weise seine Erziehung anvertraut war, sogleich in der Geburt erstickte.
Theodor, so sehr ihm der Prinz mit Liebe und Geselligkeit überall entgegen kam, blieb widerspänstig, kalt und ohne Theilnahme an den Vergnügungen des Knabenalters, die er mit Prinz Louis gemeinschaftlich genießen sollte. Hingegen war er ausgelassen fröhlich, wann er seinen Muthwillen in Gesellschaft der Söhne des Küchenmeisters, ein Paar rohe zügellose Knaben, auslassen konnte, und nicht selten mußten sich diese mit ihm vereinigen, dem Prinzen eine Lieblingshecke im fürstlichen Park zu verwüsten, oder ein Windspiel, das Louis sehr liebte, zu verstecken, wohl gar zu mißhandeln. Zu stolz, durch läugnen der verdienten Ahndung entgehen zu wollen, gab er sich bei der Untersuchung eines solchen Excesses jedesmal freimüthig oder vielmehr trotzig als den Urheber desselben an, und beschützte seine Gehülfen, so viel es in seinen Kräften stand; diese hingegen mußten seine Protektion mit unbedingtem Gehorsam, mit der geschmeidigsten Bereitwilligkeit sich auch den tollsten seiner Launen zu unterwerfen, theuer genung erkaufen.
Liebe und Anhänglichkeit an irgend ein anderes menschliches Wesen war seinem Herzen fremd, außer an Adelaiden. Die kindlichen zärtlichen Gefühle gegen seinen Vater, wurden durch Furcht und bittere Zurückhaltung verdrängt, weil er von dessen strengen Befehlen abhing; die gütigere leutselige Mutter schätzte er gering, weil sie dem eigenwilligen Söhnchen überall nachgab; überdem hatte er einmal eine spöttische Anmerkung über Weiberthränen von einem jungen Witzling gehört, und seine Mutter hatte die erstern Jahre seiner Kindheit viel geweint — war noch jetzt sehr leicht zu Thränen gestimmt; er nannte das armselige weibliche Schwäche und verachtete das Geschlecht, mit ihm — seine Mutter. Nur an seiner Schwester nahm er besonderes Interesse.
„Ist das wieder ein Bruder Herrmann, werden ihn die schwarzen Männer auch forttragen?“ — frug der fünfjährige Knabe, als man ihm schön gewickelt auf Batistnen mit Spitzen garnirten Kissen das neugebohrne Kind auf den Schooß legte.
„Brüderchen Herrmann ist zu Gott gegangen; er schickt dir das Schwesterchen — das sollst du recht lieb haben, und es einst beschützen, wie es einem edlen Ritter zukommt; weißt du noch — wie Väterchen dir unlängst vom Ritter Theobald von Wallersee und seiner Schwester Rosamunde erzählte, daß er sie von einem Korsaren Schiff welches nach Konstantinopel laufen sollte, befreite?“
„Weiß schon; und Rosamunde küßte ihrem Bruder Mund und Hände, und sagte — er wäre ihr Schutzengel.“