„Richtig, mein Kind! — Nicht wahr, so wirst du dein Schwesterchen auch lieben und ihr Beschützer seyn, wann es nöthig ist; dafür wird sie dich ebenfalls so verehren, wie Rosamunde ihren Bruder.“

Dieser unwillkührlich geworfne Funke entzündete den Stolz in des Knaben Brust; er betrachtete sich als den Protektor der kleinen Adelaide, und fand sich geschmeichelt, indem er zugleich seinen Schützling liebgewann. Nur selten konnte man ihn einige Stunden hindurch von ihrer Wiege entfernen; besorgt eilte er nach einer so langen Abwesenheit wieder zu ihr, schmählte mit der Wärterin, wenn sie weinte, verlangte von seiner Mutter eine aufmerksamere Pflegerin für seine Adelaide, und brach sich halbe Nächte die Ruhe ab, um bei ihr zu wachen, wenn wimmernder Klageton irgend ein körperliches Leiden der Kleinen verrieth. Was das kindliche Herz nur Süßes und Schmeichelhaftes äußern konnte, wandte dann der kleine Löwe Theodor liebkosend an, seinen Augapfel zu beschwichtigen, ihren Unmuth wegzutändeln. Seine Liebkosungen waren auch selten fruchtlos; ihre Händchen um seinen Hals geschmiegt, ihr Köpfchen unter der Fülle seiner blonden Locken versteckt, vergaß sie Schmerzen und Weinen, und lächelte ihn mit Engels Unschuld und Liebe an. Nur von seiner Hand nahm sie Arzenei, die er jedoch vorher kostete, ob sie auch nicht allzu übel schmeckend sey; nur von ihm geleitet, lernte sie gehen; nur seine Stimme konnte sie aus dem festesten Schlummer erwecken, so leise sie auch immer ertönen mochte. So wurde das Band der Geschwisterliebe ein unauflöslicher Zauber, dem selbst der Trotz und unbiegsame Eigenwille des kleinen Timon nicht widerstehen konnte, denn nie sah man in Theodors Gesicht den Ausdruck wohlwollenden Gefühls, zärtlicher Freundlichkeit, als wenn er mit Adelaiden beschäftigt war.

Doch schon mit dem dritten Jahre ward sie Mathildens Gesellschafterin, und ihm sollte der Erbprinz der geliebten Schwester Entfernung erträglicher machen. Zwar sahen sie sich so oft als es ihre Lehrstunden und Beschäftigungen erlaubten; aber dann war dem eifersüchtigen Bruder die schmeichelnde Mathilde im Wege, welche sich eben so liebevoll und freundlich an Adelaiden schloß und von dieser eben so aufgenommen wurde. Späterhin wuchs sein Mißvergnügen durch die Dazukunft des Prinz Louis bis zum Haß gegen diesen, da auch er Adelaide Schwesterchen nannte und ihr seine unschuldigen Galanterieen widmete.

Jetzt ward Theodor verschlossen, trotzig und unbiegsam, selbst auf seine Schwester zürnte er, wenn sie Arm in Arm mit Mathilden freundlich dem Erbprinzen entgegen hüpfte, einen Blumenstrauß oder sonst ein kleines Geschenk aus seiner Hand empfing und mit einem Kuß belohnte; er entzog sich bitter ihrer Umarmung, und nur die Worte: mein einziger, mein geliebter Bruder! konnten ihn wieder dahin besänftigen, daß er sie küßte und sie seine gute Schwester nannte.

„Welch ein fremder Geist schleicht sich mit diesem unglücklichen Knaben in unsere Familie!“ — sagte Ludmilla zu ihrem Gemahl, als dieser äußerst aufgebracht über seinen Sohn, ihn in militärische Zucht zu geben beschloß.

„Der Geist ungebändigten Starrsinns, den der Oberst von der Ecole militäre in B... Zaum und Gebiß anzulegen nicht ermangeln wird; ich kenne ihn als einen strengen pünktlichen, Gehorsam verlangenden Mann. Unter seiner Zucht muß sich der Bube ändern und des Vorzugs werth machen, den ihm Arnulph bereits mit dem Officiers-Patent erwiesen — oder ich selbst schieße ihn mit eigner Hand vor den Kopf, bevor er meinen Namen und den pr.schen Degen entehrt.“


Unverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit wankte — das Resultat war Veränderung der Luft. — Das Concilium physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder, als die heilsamsten für Sr. Excellenz.

Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so weiten Reise — besonders in Länder, gegen die sie einen unerklärbaren Widerwillen hegte — unterworfen haben, um den geliebten Alexis begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen. Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche ihr die zarte Knospe Adelaide — und die Freundschaft ihrer Fürstin gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht ohne Noth zu weit hinaus zu setzen!