Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles, was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie um die Hälfte seines Herzens betrogen zu haben — die letzte Umarmung seiner holden Adelaide, alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß — die Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns, und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. — Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla — noch einmal drückte er sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche — und — dahin rollte er; Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen.
„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in Alexis Arme.
„Gott im Himmel!“ — rief der Graf erschüttert — „was ist aus dir geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? — die herrlichste Blume dieses Edens“ — —
„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir verschmachtet, verblüht — und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn schwach die sterbende Wittwe Kamillos.
Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte es Giulianen zum Vorwurf, daß sie ihn so geliebt, und dadurch ein Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! — „O nur zu wahr sprach dieser Paluzzo — rief er aus — deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“ —
„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen Fehlern und Schwächen reinigen. — Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! — Sey treuer liebender Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich. — Gott ist gerecht — aber auch barmherzig! er will den Tod des Sünders nicht. — Er nehme dich und die Deinen — in seinen heiligen Schutz — und meine Seele — zu Gnaden — auf! — Jesus, Maria — erbarmet — euch meiner!!“ —
Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam für das Grab schmücken wollten.
„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! — in den Händen meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“ — sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. — „Kennen Sie mich nicht mehr? fuhr sie fort — die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse Prospero — jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“
Milder wurden Alexis Züge — „So wissen Sie, was ich verlohr, wem dieses Opfer fiel.“