„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“

„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“

„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern. Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“

Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten in deinen Armen auszuhauchen — schrieb Giuliane. — Eile, denn ich fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen Sieg. — Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen, daß bald der Sand des Stundenglases verronnen und mein Ziel da sey, so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter enthalten. Kraft und unbefangne Ruhe gebricht mir nur allzugewiß in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab sinken läßt. — Mein Lebewohl empfängst du noch — eine süße Ahndung sagt es mir — von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß erstirbt. — Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben: —

Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit dem Tode ihre Schuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen sie.

Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses entlocken. — Seraphine trägt deine Züge — ein forschender Blick Ludmillens — dein Bewußtseyn! — Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme eines redlichen geliebten Mannes, oder — zeigt sich der Wille des Himmels in ihrer Neigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in den stillen Mauern des Klosters zu widmen — als Braut der Kirche zum Altar. — Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen Segen.

Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! — Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch auf ihren Bruder erstrecken! — Werde sein Retter, wie du es einst seiner Mutter wurdest. — Der feurige schwärmerische Knabe kämpft gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St. Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars — in dem er zu seiner Bestimmung vorbereitet werden soll — zu enge sind — — —

„Ich will ihm Luft und Raum verschaffen, so heilig mir dein Andenken, dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ — rief Alexis mit verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es, für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu ringen.