„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde, wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“

„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen, oder euch wieder trennen könnte.“

„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! — Ich habe schon etliche Mal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn — genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte sie sehr freundlich — es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden besitze, darfst du sie Schwester nennen. — Und dies Traumbild verläßt mich nimmer.“

„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr — und dies würde ihnen weh thun.“

„Weh? — ich Adelaiden und der Gräfin weh thun? — dafür bewahre mich St. Franzesko.“

Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings anbot, war ihm daher sehr willkommen.


Daß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten hatte — versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte, unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise wünschen, Danksversicherungen für genossene hohe Ehre und splendide Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende machte.

Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an.

„Herr Graf,“ begann der Mann — „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“