„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil für ihn, wenn er“ — —
„Lassen wir das dahin gestellt seyn. — Oder hätten Sie Lust sich mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher machen.“
„Er gefällt mir, und — Zynthio, möchtest du ihn wohl zum Reisegefährten? — wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“ —
„Si, Signore!“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen Brust und Hände mit Küssen überströmte. — „Bravo, Amico! du gehst mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester Adelaiden“ —
„Holla! einen Engel? — begann der alte Schweitzer — das klingt wohl tröstlich für meinen Georg; — aber wird dieser Engel auch ihm ein Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“ —
„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen Umständen, wieder.“
„Nun dann — mit Erlaubniß Herr Graf! — Georg bitte den jungen Herrn, daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich erweisen.“ —
Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer.
„Jetzt will ich von der Leber weg reden. Der Bube soll seine Mutter nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde, um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. — Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und — einen Kopf, Herr! — einen Kopf! — Länder hätte er damit regieren, Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz manchen — Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern, als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes unterliegen kann. — Sie war die einzige Tochter des Inspektors von der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. — Den schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen, und die Eltern waren’s zufrieden, weil er bei der Herrschaft in Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm der Bube Georg geboren wurde — da merkte er bereits, daß Madam sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und — als er einst nach achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen — seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah — da wurde es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielt er dem zitternden Baron unter die Nase. — Schießen Sie, oder ich schieße. — Der Baron drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß — und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. — Rellmann, auf diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums seiner Jesabell zu versehen. — So lange der Kummer seine Gesundheit nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch. Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. — Was Christenpflicht mit sich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja, aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum Garnaufspulen zu brauchen.“
„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf.