„Ach ja, — gegen die galanten Damen aus der Residenz werden wir uns wohl verstecken müssen!“ seufzte die junge Baroneß Milken, und sämmtliche Fräuleins musterten noch einmal ihre weißen, grünen und rothen Feierkleider, welche freilich nicht mit dem Modell des neuesten Modejournals übereinstimmten, bis jetzt ihnen aber galant und schön genug geschienen hatten, um von ihren Bekanntinnen beneidet, oder wenigstens in schmeichelhafte Consideration gezogen zu werden. Carolinens Toilette war indeß doch etwas mit dem Geist der Zeit fortgeschritten, seitdem Graf Hochburg, ein Schwestersohn ihres Vaters — nun auch ihr erklärter Verlobter — sie in die Censur nahm, und den Geschmack der lieben Cousine zu verfeinern sich beflissen zeigte, so viel es sich durch das Gutachten und Anordnen eines jungen galanten Offiziers im weiblichen Putz mit Nutzen thun ließ.
Als Volontair bei der reitenden Garde du Corps hatte Julius von Hochberg, schön wie Adam und reich wie ein baronisirter Kornlieferant, er der Residenz, und diese ihm sehr wohlgefallen. Dem alten Grafen mißfiel dieses gegenseitige Attachement; schon als Julius zwölf, und Caroline von Elfen sechs Jahr alt waren, hatten die beiden Väter beschlossen, ihren Freundschaftsbund durch die Verbindung ihrer Kinder zu besiegeln. — Der Premier-Lieutenant mußte auf väterlichen Befehl den Dienst mit Rittmeisters Rang quittiren, und nach zu Sonnenburg empfangenen Ritterschlag als Geweihter des Johanniter-Maltheser-Ordens die väterliche Burg beziehen, und sich als Bräutigam nun auch um das Herz seiner schönen Cousine bewerben. — In ein Fenster gelehnt, erwartete er jetzt mit verschränkten Armen, die glänzende Erscheinung der verwittweten Generalin, Gräfin Wallersee und ihre Tochter Adelaide.
„Da sind sie ja wohl endlich!“ rief der Landrath — und sechs Mohrenköpfe bogen im stolzen Trabe um den Pfeiler des großen Hofthors. „Allons, Herr Neveu, helfe er mir die Damen herauf komplimentiren.“
Julius flog seinem Onkel vorbei, und stand schon vor der Hausthür, als die Equipage durch des Kutschers und Vorreiters mächtiges Anhalten der Zügel zu rollen aufhörte, und der Landrath erst bedächtig die letzte Stufe der Treppe betrat.
„Wir kommen später, als es sich gute und ordentliche Nachbarn erlauben sollten“, — flötete Adelaidens Stimme — „aber ich bin die Sünderin, lieber Herr Landrath! — ich allein habe den Aufenthalt zu verantworten und Ihre Verzeihung zu erbitten.“
„Bitte, bitte gehorsamst, meine Gnädigsten! Liebe Gäste sind immer willkommen; auf etwas Gutes hat man nicht zu lange gewartet,“ erwiederte dieser freundlich und half der wohlbeleibten Generalin aus dem Wagen. — Adelaide schwebte an Julius Arm, der sie mit brennender Neugier erwartenden Gesellschaft entgegen. — Das Geräusch der Bewillkommung und Eintritts-Ceremonien verhallte, nach einer acht Minuten langen Dauer endlich wie das Rollen des Donners in den Tiefen einer Gebirgskette, und Aller Augen hiengen nun fragend an einem jungen Mann, den Begleiter der angekommenen Damen.
„Zynthio Camillo“ — lispelte Adelaide und führte ihn der Dame des Hauses zu — „Mein Vater entführte den lieben Sicilianer schon als einen Knaben von zehn Jahren zum Gespielen für mich, das fünfjährige Mädchen, und seitdem hat es das Schicksal noch nie gewagt, Bruder und Schwester zu trennen. Selbst mit dem Tode hat dieser Freund schon um mich gekämpft.“
„Das ist brav, Signor Camillo! — sagte der Landrath und schüttelte ihm treuherzig die Hand — ich habe davon gehört. Sie zogen die Comtesse aus dem Wasser, mit Gefahr ihres eignen Lebens.“
Zynthios Blick schien Adelaiden sanft anzuklagen, daß der heiligste und schmerzlichste Moment seines Lebens durch eine Erwähnung dieser Art entweihet wurde. Aber kaum sah er den Hauch des zarten Roths von Adelaidens Wange fast gänzlich verschwunden, als sein Unwille dem ängstlichen Kummer wich. „Ihnen ist nicht wohl, Gräfin!“ rief er beklommen.
„O mein Gott!“ scherzte diese, „wohler wie Ihnen mein Freund! — ich werde mit meinem vollkommen gesunden Appetit Ihrer Tafel Ehre machen, Frau Landräthin!“ — setzte sie hinzu, indem sie die herbeigeeilte Frau von Elfen über ihr Erblassen beruhigte.