Diese Tafel bog sich indessen wie ein zweiter Atlas unter der Last der aufgetragenen Schüsseln und Terrinen, zur Freude des Landraths und seiner Gäste, deren Magen sich zur prophezeiten Rebellion bereits komplottirt hatten. Ein für allemal von seinem Onkel aufgefordert, sich gleich ihm die Honneurs des Hauses angelegen seyn zu lassen, säumte Julius nicht, Adelaiden seinen Arm und sich zum Tischnachbar anzubieten. Der sorgsame Sicilianer führte Carolinen, die ihm zu Theil wurde, auf die andere Seite der Tafel, der jungen Gräfin gegenüber. Diese lächelte und frug, da sie eben einen Löffel Suppe zum Munde führen wollte: „Ich darf doch, lieber Hofmeister?“

Bald herrschte allgemeine Fröhlichkeit über der Tafel; selbst Zynthio wurde munter, denn Adelaidens Farbe zeigte ja wieder von Wohlbefinden. Nur Caroline und ihre Freundinnen staunten noch immer die junge Gräfin Wallersee mit einem völligen Geistesbankerot an. — So natürlich, und doch so viel Grazie, so viel unbeschreiblichen Zauber! — So zart, so kränklich, und doch so viel Leben! — Sonst hatten sie wohl irgend in einem oder den andern Roman aus der Lesebibliothek eines benachbarten Städtchens, die hochblühenden Wangen, den vollen Busen der schönen Henriette, Luise, Klementine, oder wie die Heldinnen heißen mogten — als unerläßliche Schönheitspartien gerühmt gefunden — und, sich dieser Vorzüge bewußt, mit stolzer Selbstzufriedenheit sich jenen gepries’nen Schönheiten gleich gestellt. — Um so weniger glich diesen üppigen Idealen weiblicher Reitze die alles fesselnde Adelaide. Nur ein rosiger Schimmer färbte den Liliengrund ihrer Wangen; das seidne aschfarbne Haar ringelte sich nicht in trotziger Fülle um Stirn und Nacken, es umschwebte wie Aether das Madonnengesicht. Das dunkelblaue Auge schien in seinem sanften Feuer nur freundliche Blicke eines Engels für diese Welt, aber den Ausdruck ihrer innigern stärkern Gefühle für ein Jenseits zu haben. Resignation ohne Schmerz, schöne Hoffnungen ohne Ansprüche, lächelte heiter in jedem Blick dieser Augen, in jedem Zug ihres himmlischen Gesichts. Bei aller Zartheit ihres Körpers, hatte sie verhältnißmäßige Fülle; man hätte glauben sollen, sie sey aus Wachs geformt, wobei es keines Knochenbaues bedurfte; aber diese Fülle schien einer ätherischen Erscheinung anzugehören, die der leichteste Zephir unsern Augen zu entführen droht. Ihre Stimme war der Flötenton einer Titania — und doch war es ein irrdisches Mädchen, das Leben und menschliche Reitze genug besaß, um Carolinen heut jeden zärtlichen Blick ihres Geliebten zu entziehen. Daß sie auch weder für die Elfenkönigin, noch sonst für eine bloß geistige Erscheinung gehalten seyn wollte, bewieß sie bald, indem sie munter ihrer Mutter zurief:

„Maman! ich empfehle Ihnen diese Klöße mit gebacknem Obst, sie sind vortrefflich. Frau Landräthin! — ich werde mich bei Ihrer Köchin in die Lehre geben.“

„Siehst du, Mütterchen!“ — fiel fröhlich der Landrath ein — „der lieben Comtesse schmeckt mein Leibgericht auch. Bravo, meine Gnädige! — Schon um deswillen verdienen Sie meine ganze Bewunderung; Sie rümpfen nicht großstädtisch die Nase bei ehrlicher Hausmannskost.“

„Gräfin!“ — sagte traurig Zynthio — „es thut mir weh, Ihrem so seltnen Apetit Einhalt thun zu müssen, aber“ — er gab dem hinter ihren Stuhl stehenden Jäger einen Wink — „lieber eine leichtere Speise.“

Der Jäger nahm mit einer um Verzeihung bittenden Verbeugung Adelaiden den Teller mit den gepries’nen Klößen und Obst weg, von dem sie erst etwas weniges zu genießen angefangen hatte.

„Auch du Georg bist gegen mich verschworen?“ frug sie ihn lächelnd; dieser zuckte mit niedergeschlagenen Augen die Achseln.

„Bin ich nicht zu bedauern?“ — wendete sie sich mit komisch klagendem Ton an den Landrath — „diese Quälgeister wollen mir durchaus nicht erlauben, mich unter die Gesunden zu rechnen.“