Die Generalin sah ihre Tochter mit wehmüthiger Freundlichkeit an. „Wollte Gott!“ — seufzte sie — „diese guten Menschen hätten Unrecht!“

„Nun! was ich noch nicht bin, kann ich wieder werden. Herr Landrath, ich begebe mich unter Ihren Schutz. Ich weiß, Sie machen starke Promenaden — mit Ihnen will ich fahren, laufen, reiten; und auf den Winter, bei hellem Frostwetter, guter Schlittenbahn, werde ich öfters schon des Morgens um 9 Uhr in einem geräumigen Danziger Schlitten angefahren kommen, und Ihnen Ihre Damen entführen.“

„Mein’ Seel! da haben Sie Recht, scharmante Comtesse!“ — sagte der Landrath, und schlug fröhlich in die Hände — „überlassen Sie sich der natürlichen gesunden Lebensart, wie wir Dorfmenschen; essen, trinken Sie, was Gott und die Natur uns giebt, genießen Sie der gesunden freien Luft. Wir wollen zusammen fischen, jagen, Dohnen stellen, Schlitten fahren, und zuverläßig schon in drei Monathen die gesammte Fakultät der Aerzte auslachen.“

Eingefallnes Regenwetter, welches heut den Oktobertag merklicher verkürzte, erinnerte die Generalin schon an dem Aufbruch, als der jüngere Theil der Gesellschaft sich erst zu gemeinschaftlicher Unterhaltung in einem zwanglosern Zirkel vereinigt hatte. Adelaide fügte sich mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit, den Vergnügungen der ländlichen schönen Welt. Die Fräuleins ließen sich nach einigen zierlichen Weigern, in den Liederchen: Blühe liebes Veilchen — seht den Himmel wie heiter — und so mehrere mit fistulirender Annehmlichkeit hören, und Caroline begleitete den Gesang auf einem dumpfen Klavier — welches der Organist noch diesen Morgen zu der heutigen Akademie gestimmt und mit neuen Saiten bezogen hatte. Adelaide versprach den lieben Virtuosinnen ein ganzes Heft neuer musikalischer Blumenlese. Der Landrath, dessen Liebling sie in den wenigen Stunden geworden, mußte den Wunsch aufgeben, auch Adelaidens Tonkunst zu bewundern, da die Generalin und Zynthio mit dem wattirten atlaßnen Sürtout der jungen Gräfin, das Signal zum Abschied nehmen gaben.

Der Herr des Hauses, die ehrwürdige Excellenz führend, an der Spitze, Graf Julius an Adelaidens Seite, wie ein Träumender schwankend — zu deren Rechten Zynthio mit banger Aufmerksamkeit schlich — und hinter diesen mehrere der übrigen Gesellschaft, um die Gräfinnen an den Wagen zu begleiten, formirten den Zug die Treppe hinunter.

„Georg“ rief sorgsam der Sicilianer, als sie die Hälfte der Stufen zurückgelegt hatten. Seinen Hut wegwerfend eilte dieser herbei, hob Adelaiden auf seinen Arm, und flog mit ihr — wie der Westwind mit einem Rosenblatt davon. Julius, welcher nicht bemerkt hatte, daß Kraftlosigkeit und kürzerwerdender Athemzug das Haupt der schwankenden Lilie beugte, wollte — betroffen über die Kühnheit des Entführers im ersten Augenblick dem trotzigen Krauskopf, dessen stolzer glühender Blick seine Hornfessel zu einem Ordensband zu erheben schien — nachstürzen, und ihm die schöne Beute wieder entreißen. Aber schon war sie in Sicherheit und dem Schutz des Wagens, und Zynthio beschäftigt, die Fenster desselben zu Verhütung jeder schädlichen Zugluft aufzuziehen. Ueberdieß warf sich unserm Chevalier ein andrer Gewinnst in den Weg, dessen ihm keine menschliche Gewalt berauben sollte. —

Adelaide hatte, während sie durch das Haus schwebte, einen der fleischfarbnen atlaßnen Schuhe verlohren, die — so klein und schmal sie auch seyn mochten, dennoch zu geräumig waren, um sich fest genug an das sylphidenartige Füßchen der jungen Gräfin anzuschließen. Wie ein Habicht auf das einsam umherflatternde Täubchen schießt und sich seines Raubes bemächtigt, so warf sich Julius auf das von ihm zuerst entdeckte Kleinod, und verbarg es mit hämischer Freude vor den suchenden Bedienten, unter dem Gilet auf seinem stürmisch klopfenden Herzen. Noch nie hatte wohl der hochwürdige Johanniter-Ritter mit einer solchen bittern Regung der Mißgunst, einem gemeinen Jäger ein recht aufrichtiges: „Hohl dich der Teufel!“ nachgeflistert, als jetzt — da er bei dem Schein der Laternen-Lichter, mit welchen ein vorreitender Jokey die nächtliche Finsterniß erhellte, den hohen Federbusch Georgs im Winde flattern, und zuletzt hinter dem Thorpfeiler verschwinden sah.

„Ein Mädchen zum küssen, die junge Gräfin Wallersee!“ begann mit lauter Stimme der Landrath, daß es das Echo der vier Ecken seines großen Familiensaals wiederhohlte — „Unverkünstelt an Leib und Seele — ach lieber Gott! — da sagte ich zu viel; leider blieb der Körper nicht so gesund als der Geist! — mit dem erstern geht’s wie mit meinen Akazienbäumchens am Ende des Gartens bei der Rasenbank — zwischen welchen und der Mittagssonne mein Nachbar, der Herr Pastor, eine breite Scheune hingesetzt hat. Sie schwanken und kränkeln und kommen nicht fort. — Aber wenn das liebe Kind nur bei ihrem gescheuten Entschluß bleibt, wenn sie mir folgt, so will ich sie in die Sonne führen, die ihr neue Kraft und neues Leben geben soll.“