„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! — Sie verliert bei mir, so sehr mich alles interessirt, was du sagst — weil ich dich, das einzige Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen, innig liebe. — Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“
Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir nicht nach Kräften vergüten werde? —
„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“
Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe —
„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ —
Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. — Nur vergiß und verkenne nie deine Schwester!
„Es gilt, Adelaide! — Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. — Und nun, um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen, Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! — Die gute mater dolorosa würde mich mit ihren Thränenströmen inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“
Adelaide sah ein, daß dem wilden starrköpfigen Jüngling mit keinem Zügel — wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung — welche ihn doch nach dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen — ihn noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand, auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! — ein Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt wurde. — Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und bewährt in männlicher hoher Tugend — deren väterliches Erbtheil ihm nicht entgangen zurückkehren werde. — „Auch der Verewigte vermogte nicht, dem Hange zu widerstehen — sich unter fernen Himmelsstrichen seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.
Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines Engels sprechenden Tochter. — Sie trocknete die mütterlichen Thränen der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier, und segnete ihren Erstgebornen — welcher nun als Vaterwaise ihrer Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf Abgründe führe.