Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend gerechtet — nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde.

„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio — „die schönsten Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“


Mathilde an Adelaiden.

Daß du mich liebst, weiß ich; daß deine Gesundheit gewinnt, glaube ich dir nur halb, und Zynthio schreibt mir, daß du es selbst nicht glaubst, so beflissen du es auch allen, die dich lieben, versichern willst. Ferner, daß mein Bruder dir schmerzlichen Kummer mit seinem Besuch auf Wallersee verursachte, daß seine eigensinnige Leidenschaft die Störerin deiner Zufriedenheit sey, möge das Verhängniß verantworten, welches die edelste Richtung des menschlichen Herzens meinem armen Louis zum Verbrechen macht, weil Convenienz das Urtheil spricht. — Aber auch mit mir bist du unzufrieden, dies verräth so manche Zeile, ja die ganze Haltung deines Schreibens. — Stimme dich zur Harmonie mit deinen Landfräuleins herab; diese Selbstverläugnung ist deiner alles umfassenden Menschenliebe und sanften Hingebung reiner Genuß! — Aber wer alle seine Nebengeschöpfe mit gleicher Liebe umfaßt, bevortheilt die vorzüglichern Rechte geprüfter uns näher verschwisterter Seelen! — Beschuldige mich nicht kleinlicher Eifersüchtelei! — ich weiß, und du selbst wirst fühlen, daß meine Besorgniß vor dem Richterstuhl einer so zarten Freundschaft, wie die unsrige, gerechtfertigt ist.

Jeder Tag vermehrt die Sammlung deiner schriftlichen Aufsätze — auch dies weiß ich, Dank sey es der Aufrichtigkeit des felsenfesten Bundesgenossen Camillo! — aber für mich schuf eine den Gelegenheitsgeschäften gewidmete Stunde ein längst mir schuldiges Antwortschreiben. — Ich könnte vergelten; denn noch baue ich auf meinen Werth bei dir — aber nein, dieses Blatt ist nur die Beilage eines Tagebuchs von mehrern Wochen, in denen ich mich für dich und mit dir aussprach. Die kleine Betty, welche ohne dich und Zynthio fernerhin, so wenig als die Biene ohne den Saft der Blüthen zu leben und zu weben vermag — überbringt dir dieses Paket.


Weh mir! Adelaide ist für mich verloren. Auch das trauliche Du entzieht sie mir. — Du verweisest mich auf die Stuffe der künftigen Großherzogin, und läßt mich dort isolirt stehen. — O Adelaide! das ist nicht der Weg, mich für meine Bestimmung zu gewinnen. So süß die Schaale auch seyn mag, in der du mir deine Ermahnungen darreichst, der Kern ist bitter — bittrer als mir ihn je die Hand der Freundschaft hätte bieten sollen. — Sobald die Arznei widersteht, geht die Wirkung verloren. — Ich soll von einer Schwärmerei genesen, die in dieser sublunarischen Welt weder eignes noch allgemeines Glück gedeihen läßt — noch gefährlicher sey ihr berauschender Duft dem unbefangnen Herzen der Fürstentochter, welche alsdann mit exaltirten Forderungen an das Menschengeschlecht den Pfad zum Throne wandelt; diese Erwartungen getäuscht: folglich sich zur Verachtung, zur Gleichgültigkeit gegen diese Menschen berechtigt glaubt — und was dergleichen sanktionirte Sentenzen mehr sind.