Georg kam zu melden, daß vorgefahren sey. Die Generalin folgte ihm reisefertig. Betty brachte ihrer Gräfin den Mantel, Schleier und Handschuh.

Maman! bat Adelaide — lassen Sie uns die kleine Närrin mitnehmen! — Sie trennt sich so ungern von mir, ihrer Lehrerin im Sticken, und von ihrem Musikmeister Signor Camillo. — Sie erlauben doch?

Wie du fragen kannst! —

Betty hüpfte für Freuden. — „Daß du mir aber auch den weißen Rosenstock pflegst! — ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. — Mein Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn! bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“

Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens; das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen Vorgeschmack ihres Schlummers im Grabe. — Sie fuhren durch eine Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. — So dachte sich der sie anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath zu wenden, wohin er — sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht, zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick ergriffen; begeistert rief sie aus:

Erscheinet mir einst so mein Engel,

Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;

So winke mir der Todesengel,

und freudig werd’ ich mit ihm gehn.

Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den Bruderkuß. — Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu gehn! —