Am 6. September landete der König nach einer vierundzwanzigstündigen Ueberfahrt in Bristol. Von da reiste er nach London, unterwegs in den Schlössern einiger vornehmen Lords einsprechend, und man bemerkte, daß Alle, denen diese Auszeichnung widerfuhr, Tories waren. Den einen Tag wurde er in Badminton vom Herzoge von Beaufort bewirthet, von dem man vermuthete, daß es ihm große Ueberwindung gekostet habe, die Eide zu leisten; an einem der folgenden Tage in einem großen Hause unweit Marlborough, das in unsrer Zeit, vor der gewaltigen Revolution, welche die Eisenbahnen hervorgebracht, als einer der besten Gasthöfe England’s berühmt war, das aber im 17. Jahrhundert ein Landsitz des Herzogs von Somerset war. Wilhelm wurde allenthalben mit Zeichen der Achtung und Freude empfangen. Sein Feldzug hatte zwar nicht ganz so glücklich geendet wie er begonnen, im Ganzen aber war sein Erfolg über Erwarten groß gewesen und hatte deutlich gezeigt, wie weise er gehandelt, indem er sich selbst an die Spitze seiner Armee stellte. Auch war die Plünderung von Teignmouth bei den Engländern noch in frischem Andenken und hatte Alle, bis auf die fanatischesten Jakobiten, sowohl mit einander als auch mit dem Throne ausgesöhnt. Die Magistratur und die Geistlichkeit der Hauptstadt begaben sich nach Kensington, um dem Könige ihre Danksagungen und Glückwünsche darzubringen. Das Volk läutete die Glocken und zündete Freudenfeuer an. An die Stelle des Papstes, den die guten Protestanten sonst zu verbrennen pflegten, trat bei dieser Gelegenheit der französische König, wahrscheinlich zur Vergeltung für die schimpfliche Behandlung, welche der pariser Pöbel dem Bilde Wilhelm’s hatte zu Theil werden lassen. Eine Wachspuppe, jedenfalls eine abscheuliche Carricatur des liebenswürdigsten und majestätischesten Fürsten, den es je gegeben, wurde auf einem Karren nach Westminster gefahren. Darüber waren in großen Buchstaben die Worte zu lesen: „Ludwig, von vierzehn Tyrannen der größte.” Nach der Prozession wurde die Figur unter lauten Hurrahs in Coventgarden den Flammen übergeben.[81]
Expedition nach dem Süden Irland’s.
Als Wilhelm in London ankam, war die nach Cork bestimmte Expedition bereit, von Portsmouth abzusegeln, und Marlborough war schon seit einiger Zeit an Bord in Erwartung günstigen Windes. Grafton begleitete ihn. Dieser junge Mann war unmittelbar nach Jakob’s Abreise und während der Thron noch unbesetzt war, von Wilhelm zum Obersten des ersten Gardeinfanterieregiments ernannt worden. Die Revolution war kaum vollbracht, als sich in diesem Regimente, das wegen seines besonderen Dienstes wie auch wegen seiner numerischen Stärke das wichtigste von allen Regimentern der Armee war, Zeichen von Mißstimmung bemerklich zu machen begannen, und man glaubte, der Oberst habe diesen schlechten Geist nicht mit der gehörigen Energie unterdrückt. Man wußte, daß er mit der neuen Ordnung der Dinge nicht ganz zufrieden war, denn er hatte für eine Regentschaft gestimmt, und es circulirte das vielleicht grundlose Gerücht, daß er mit Saint-Germains in Verbindung stehe. Das ehrenvolle und einträgliche Commando, zu dem er eben erst ernannt worden war, wurde ihm wieder entzogen.[82] Obwohl tief gekränkt, benahm er sich doch als ein Mann von Einsicht und Takt. Um zu beweisen, daß der auf ihm ruhende Verdacht unbegründet war, und von dem ehrenwerthen Wunsche beseelt, sich in seinem Berufe auszuzeichnen, hatte er die Erlaubniß nachgesucht und erhalten, als Freiwilliger unter Marlborough in Irland zu dienen.
Am 18. September sprang endlich der Wind um. Die Flotte ging in See und erschien am 21. vor den Hafen von Cork. Die Truppen landeten und vereinigten sich alsbald mit mehreren von der Armee, welche kurz zuvor Limerick belagert hatte, detachirten holländischen, dänischen und französischen Regimentern unter den Befehlen des Herzogs von Würtemberg. Der Herzog machte sofort einen Anspruch geltend, der der Expedition sehr nachtheilig hätte werden können, wenn der englische General nicht ein Mann von seltener Einsicht und Mäßigung gewesen wäre. Seine Hoheit behauptete, daß er als Prinz eines souverainen Fürstenhauses zur Führung des Obercommandos berechtigt sei. Marlborough setzte ihm mit aller Ruhe und Artigkeit auseinander, daß sein Anspruch unbillig sei. Es entspann sich ein Streit, in welchem der Deutsche sich mit rücksichtsloser Heftigkeit, der Engländer mit der ritterlichen Festigkeit benommen haben soll, der er vielleicht mehr noch als seinen ausgezeichneten Talenten seinen Erfolg im Leben verdankte. Endlich schlug ein hugenottischer Offizier einen Vergleich vor. Marlborough verstand sich dazu, einen Theil seiner Rechte nachzulassen und dem Herzoge einen Tag um den andern den Vorrang einzuräumen. Den ersten Morgen an welchem Marlborough das Obercommando hatte, gab er die Parole „Würtemberg.” Das Herz des Herzogs wurde durch diese Artigkeit gewonnen, und am folgenden Tage gab er die Parole „Marlborough.”
Marlborough nimmt Cork.
Doch wer auch die Parole geben mochte, das Genie behauptete seine unveräußerliche Ueberlegenheit. Marlborough war jeden Tag der wirkliche General. Cork wurde mit Energie angegriffen und ein Außenwerk nach dem andren rasch genommen. In achtundvierzig Stunden war Alles vorüber. Die Spuren des kurzen Kampfes sind heute noch sichtbar. Das alte Fort, wo die Irländer am hartnäckigsten kämpften, liegt in Trümmern. Die dorische Kathedrale, welche dem alten Thurme so unschön angebaut ist, nimmt die Stelle eines gothischen Bauwerkes ein, welches durch die englischen Kanonen zertrümmert wurde. Auf dem nahen Kirchhofe zeigt man noch die Stelle, wo viele Jahrhunderte hindurch einer jener runden Thürme stand, die den Alterthumsforschern viel Kopfzerbrechens verursacht haben. Dieses ehrwürdige Baudenkmal theilte das Schicksal der benachbarten Kirche. Eine andre Stelle, welche jetzt die Mall heißt und mit den stattlichen Häusern von Bank-, Eisenbahn- und Versicherungsgesellschaften besetzt ist, die abermals ein unter dem Namen Rape Marsh bekannter Sumpf war, rückten vier englische Regimenter, bis unter die Arme im Wasser watend, tapfer zum Sturme vor. Grafton, stets der Erste in der Gefahr, wurde, während er sich durch den Schlamm arbeitete, von einem feindlichen Schusse getroffen und sterbend zurückgetragen. Die Stelle wo er fiel, damals etwa hundert Schritt weit außerhalb der Stadt, gegenwärtig aber im Mittelpunkte des Geschäftsverkehrs und der Bevölkerung gelegen, heißt noch jetzt Grafton Street. Die Stürmenden hatten den Sumpf durchwatet und der Kampf Mann gegen Mann sollte eben beginnen, als das Zeichen zum Parlamentiren gegeben wurde. Die Bedingungen der Kapitulation waren bald festgesetzt. Die aus vier- bis fünftausend Mann bestehende Besatzung wurde als gefangen betrachtet. Marlborough versprach, sich für sie sowohl als auch für die Einwohner beim Könige zu verwenden und Gewaltthätigkeiten und Plünderung nicht zu gestatten. Es gelang ihm seine Truppen im Zaume zu halten; aber Schaaren von Matrosen und Lagertroß drangen durch die Bresche in die Stadt und die Häuser vieler Katholiken wurden demolirt, ehe die Ordnung wieder hergestellt werden konnte.
Marlborough nimmt Kinsale.
Kein Feldherr hat es jemals besser verstanden einen Sieg zu benutzen als Marlborough. Wenige Stunden nachdem Cork gefallen, war seine Reiterei schon auf dem Wege nach Kinsale. Es wurde ein Trompeter abgesandt, um die Stadt zur Uebergabe aufzufordern. Die Irländer drohten ihn zum Lohn für diese Botschaft aufzuhängen, zündeten die Stadt an und zogen sich in zwei Forts, das alte und das neue genannt, zurück. Die englische Reiterei kam gerade noch zur rechten Zeit an, um das Feuer zu löschen. Ihr folgte Marlborough mit seiner Infanterie auf dem Fuße. Das alte Fort wurde erstürmt und funfzig Mann, die es vertheidigten, sämmtlich getödtet oder gefangen genommen. Das neue Fort mußte systematischer angegriffen werden. Es wurden Batterien aufgefahren, Laufgräben eröffnet und Minen gesprengt; in wenigen Tagen waren die Belagerer Herren der Contrescarpe, und Alles war zum Sturme bereit, als der Gouverneur sich erbot zu kapituliren. Die zwölfhundert Mann starke Besatzung durfte sich nach Limerick zurückziehen, aber die Sieger ergriffen Besitz von den Vorräthen, welche einen bedeutenden Werth hatten. Von allen irischen Häfen war Kinsale für den Verkehr mit Frankreich am günstigsten gelegen, und es herrschte daher dort ein in allen anderen Theilen von Munster unbekannter Ueberfluß. In Limerick waren Brot und Wein ein Luxus, den sich selbst Generäle und Staatsräthe nicht immer verschaffen konnten. Im neuen Fort von Kinsale aber fand Marlborough tausend Barrels Weizen und achtzig Pipen Claret.
Sein Sieg war vollständig und rasch gewesen, und rasch mußte er auch sein, sonst wäre er nicht vollständig gewesen. So kurz sein Feldzug war, hatte er doch lange genug gedauert, um der feuchten Erde und Luft von Irland Zeit zum Beginn des tödtlichen Werkes zu lassen, von welchem die englischen Soldaten damals zur Herbstzeit selten verschont blieben. Die Krankheit, welche die Reihen der Armee Schomberg’s bei Dundalk gelichtet und Wilhelm gezwungen hatte, sich eiligst von der Mündung des Shannon zurückzuziehen, hatte sich in Kinsale zu zeigen begonnen. So rasch und energisch Marlborough seine Operationen betrieb, verlor er doch viel mehr Leute durch diese Krankheit, als durch das Feuer des Feindes. Nur fünf Wochen nach seiner Abfahrt von Portsmouth machte er in Kensington seine Aufwartung und wurde sehr freundlich empfangen. „Kein lebender Offizier,” sagte Wilhelm, „der so wenig Dienstjahre aufzuweisen hat wie Mylord Marlborough, ist so wie er zu großen Commandos befähigt.”[83]