Mittlerweile war das schottische Parlament in Edinburg wieder zusammengetreten. Wilhelm hatte sich überzeugt, daß es kein leichtes Ding sei zu entscheiden, wie er es mit dieser launenhaften und unlenksamen Versammlung halten sollte. Die Gemeinen England’s hatten ihn zuweilen aufgebracht. Doch sie hatten ihm Millionen bewilligt und von ihm niemals Concessionen verlangt, wie sie die schottische Legislatur, die ihm wenig geben konnte und ihm gar nichts gegeben hatte, gebieterisch gefordert. Die englischen Staatsmänner standen im allgemeinen nicht hoch in seiner Achtung und sie verdienten es auch nicht. Aber wenige unter ihnen waren so durch und durch falsch und schamlos wie die leitenden Staatsmänner Schottlands. Hamilton stand in Bezug auf Moralität und Ehrgefühl eher über als unter seinen Collegen, und auch er war wankelmüthig, falsch und habgierig. Wilhelm ließ sich einst zu der Aeußerung hinreißen: „Ich wollte Schottland läge tausend Meilen weit von hier und der Herzog von Hamilton wäre König davon. Dann wäre ich sie beide los.”
Melville Lord Obercommissar.
Nach reiflicher Ueberlegung beschloß Wilhelm, Melville als Lord Obercommissar nach Edinburg zu schicken. Melville war weder ein großer Staatsmann, noch ein großer Redner; er sah nicht aus wie der Repräsentant des Königs, sein Character hatte nur das Durchschnittsmaß der Reinheit, und dieses Durchschnittsmaß war bei den schottischen Senatoren nicht groß; aber es fehlte ihm nicht an Besonnenheit und Mäßigung, und er reussirte im Ganzen besser, als ein Mann von weit glänzenderen Eigenschaften reussirt haben würde.
Die Regierung erlangt die Majorität.
Während der ersten Tage der Session waren die Freunde der Regierung muthlos und die Häupter der Opposition gaben sich sanguinischen Hoffnungen hin. Die Triumphe des vorhergehenden Jahres hatten Montgomery den Kopf verrückt, obwohl er keineswegs zu den Schwachen gehörte. Er glaubte seine Intriguen und seine schönen Reden hätten die Stände vollständig besiegt. Nachdem er eine unbegrenzte Herrschaft im Parlamente ausgeübt hatte, als die Jakobiten abwesend waren, schien es ihm unmöglich, daß er jetzt, wo sie anwesend und bereit waren, jeden seiner Vorschläge zu unterstützen, geschlagen werden könnte. Es war ihm allerdings nicht leicht geworden, sie zum Erscheinen zu bewegen. Denn sie konnten ihre Sitze nicht einnehmen, ohne die Eide zu leisten. Einige unter ihnen trugen ein wenig Bedenken, meineidig zu werden, und Viele, die nicht wußten, was ein Gewissensskrupel war, fürchteten den rechtmäßigen König zu beleidigen, wenn sie dem faktischen Könige Treue schwuren. Einige Lords aber, die für Vertraute Jakob’s galten, versicherten, ihres Wissens wünsche er, daß seine Freunde falsch schwörten, und diese Versicherung bewog die Mehrzahl der Jakobiten, mit Balcarras an der Spitze, sich einer durch Gottlosigkeit erschwerten Treulosigkeit schuldig zu machen.[88]
Es stellte sich jedoch bald heraus, daß Montgomery’s Partei, selbst mit dieser Verstärkung, nicht mehr die Majorität in der gesetzgebenden Versammlung bildete. Für Jeden den er gewonnen, hatte er Zwei verloren. Er hatte einen Fehler begangen, der in der britischen Geschichte mehr als einmal großen parlamentarischen Führern verderblich geworden ist. Er hatte geglaubt, daß, sobald es ihm einfiele, sich mit Denen zu verbinden, denen er vor kurzem noch feindlich gegenübergestanden hatte, alle seine Anhänger seinem Beispiele folgen würden. Allein er überzeugte sich bald, daß es viel leichter war, Erbitterung hervorzurufen als sie zu beschwichtigen. Die große Masse der Whigs und Presbyterianer scheute sich davor, mit den Jakobiten gemeinschaftliche Sache zu machen. Einige Unschlüssige wurden von der Regierung erkauft, und zwar um einen sehr mäßigen Preis, denn eine Summe, die im englischen Staatsschatze kaum vermißt wurde, war für die armen Barone des Nordens sehr bedeutend.[89] So sank die Wagschale auf der andren Seite, und in den schottischen Parlamenten der damaligen Zeit war das Sinken der Wagschale Alles; die Majoritäten hatten stets die Tendenz zu wachsen, die Minoritäten die Tendenz sich zu vermindern.
Die erste Frage, über welche eine Abstimmung vorgenommen wurde, bezog sich auf die Wahl für einen Burgflecken. Die Minister trugen mit sechs Stimmen den Sieg davon.[90] In einem Augenblicke war Alles verändert, der Zauber war zerstört, der Club wurde von einem Popanz zur Zielscheibe des Spotts, die Aengstlichen und die Käuflichen gingen massenhaft von der schwächeren zur stärkeren Seite über. Umsonst versuchte die Opposition, die Streitigkeiten vom vorigen Jahre wieder anzuregen. Der König hatte Melville wohlweislich ermächtigt, den Artikelausschuß aufzugeben. Die Stände auf der andren Seite bezeigten keine Lust, eine zweite Incapacitätsacte zu erlassen, die Regierung wegen Eröffnung der Gerichtshöfe zu tadeln, oder das Recht des Souverains, Richter zu ernennen, in Frage zu stellen. Es wurde eine außerordentliche Steuer bewilligt, die nach den Begriffen der englischen Finanzmänner zwar klein, nach den Hülfsquellen Schottland’s aber bedeutend war. Die bewilligte Summe war hundertzweiundsechzigtausend Pfund Sterling, binnen vier Jahren zu entrichten.[91]
Die Jakobiten, welche nun sahen, daß sie ohne Nutzen meineidig geworden waren, schämten und ärgerten sich, während Montgomery, der sich und sie getäuscht und der in seiner Wuth zwar nicht seine Talente und seinen Redefluß, wohl aber alles Anstandsgefühl und alle Selbstbeherrschung verloren hatte, wie ein Wasserträger schimpfte und von Sir Johann Dalrymple mit gleicher Heftigkeit und mit mehr als gleicher Gewandtheit ebenso behandelt wurde.[92]
Kirchliche Gesetzgebung.
Die wichtigsten Acte dieser Session waren die, welche die kirchliche Verfassung Schottland’s feststellten. Durch die Rechtsforderung war erklärt worden, daß die Autorität der Bischöfe eine unerträgliche Last sei, und Wilhelm hatte sich durch Annahme der Krone verpflichtet, eine Institution, welche durch das nämliche Instrument, von dem sein Recht auf die Krone abhing, verurtheilt wurde, nicht aufrecht zu erhalten. Aber die Rechtsforderung hatte die Form des Kirchenregiments nicht bestimmt, welche an die Stelle des Episkopats treten sollte, und während der stürmischen Session im Sommer 1689 hatte die Heftigkeit des Clubs alle Gesetzgebung unmöglich gemacht. Viele Monate lang war daher Alles in Verwirrung gewesen. Eine Verfassung war umgestürzt, aber keine andre dafür aufgerichtet worden. In dem westlichen Niederlande waren die Pfarrgeistlichen so wirksam gemißhandelt worden, daß kaum einer von ihnen auf seinem Posten geblieben war. In Berwickshire, den drei Lothians und Stirlingshire waren die meisten Curaten durch den Geheimen Rath ihres Amtes entsetzt worden, weil sie dem Beschlusse der Convention, der allen Pfarrgeistlichen bei Strafe der Absetzung vorschrieb, Wilhelm und Marien zum Könige und zur Königin von Schottland zu proklamiren, nicht Folge geleistet hatten. So wurde in einem großen Theile des Reichs kein öffentlicher Gottesdienst gehalten, außer von presbyterianischen Geistlichen, welche bald in Zelten predigten, bald ohne gesetzliche Berechtigung von den Kirchen Besitz nahmen. Aber es gab auch große Districte, besonders nördlich vom Tay, wo das Volk seinen so starken Widerwillen gegen das Episkopat empfand, und viele Priester, die nicht geneigt waren, ihre Häuser und ihre Gehalte um König Jakob’s willen zu verlieren. Hunderte von alten Curaten, die weder vom Pöbel gemißhandelt, noch vom Staatsrathe abgesetzt worden waren, verrichteten daher noch ihre geistlichen Functionen. Während dieser Uebergangsperiode stand es jedem Geistlichen frei, den Gottesdienst zu leiten und die Sakramente darzureichen wie es ihm beliebte. Es gab keine Aufsichtsbehörde, denn die Legislatur hatte die Jurisdiction der Bischöfe aufgehoben, aber die Jurisdiction der Synoden nicht eingeführt.[93]