Anfang Februar legte sich der Schrecken, den die ersten Debatten über die Valuta hervorgerufen hatten, und von dieser Zeit bis zum 4. Mai wurde der Geldmangel nicht sehr gefühlt. Die Umprägung begann. Die Schmelzöfen wurden im Garten hinter dem Schatzamt errichtet und täglich wurden große Haufen beschnittener und entstellter Kronen und Schillinge in mächtige Silberklumpen verwandelt, welche sofort in die Münze im Tower befördert wurden.[93]
Annahme der Acte zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen.
Mit dem Schicksale des Gesetzes, das die Valuta herstellte, war das Schicksal eines andren Gesetzes eng verknüpft, das mehrere Jahre der Erwägung des Parlaments unterlegen und mehrere lebhafte Streitigkeiten zwischen dem erblichen und dem wählbaren Zweige der Legislatur verursacht hatte. Die Session hatte kaum begonnen, als die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen wieder auf den Tisch der Gemeinen gelegt wurde. Von den Debatten, zu denen sie Veranlassung gab, wissen wir nichts mehr; nur ein interessanter Umstand ist durch Ueberlieferung auf uns gekommen. Unter Denen, welche die Bill unterstützten, zeichnete sich ein junger Whig von hohem Range, großem Vermögen und vorzüglichen Anlagen aus, welche durch Studium sorgfältig ausgebildet worden waren. Dies war Anton Ashley Cooper, Lord Ashley, ältester Sohn des zweiten Earls von Shaftesbury und Enkel des berühmten Staatsmannes, der in den Tagen Karl’s II. zu einer Zeit der grundsatzloseste Minister, zu einer andren Zeit der grundsatzloseste Demagog gewesen war. Ashley war eben als Vertreter des Burgfleckens Poole ins Parlament gewählt worden und stand in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre. Im Laufe seiner Rede stockte er, stammelte und schien den Faden seines Ideenganges zu verlieren. Das Haus, welches damals so gut wie jetzt nachsichtig gegen Neulinge war und wohl wußte, daß bei einem ersten öffentlichen Auftreten die Unsicherheit, eine Wirkung der Bescheidenheit und der Gefühlswärme, ein eben so gutes Zeichen ist als Geläufigkeit im Ausdruck und Unbefangenheit des Benehmens, munterte ihn auf fortzufahren. „Kann ich wohl, Sir,” sprach der junge Redner, sich wieder sammelnd, „ein gewichtigeres Argument zu Gunsten dieser Bill anführen, als mein eignes Stocken? Mein Vermögen, mein Ruf, mein Leben stehen nicht auf dem Spiele. Ich habe ein Auditorium vor mir, dessen freundliche Nachsicht mich wohl zu ermuthigen geeignet ist. Und doch habe ich, aus bloßer Gemüthsbewegung, aus bloßem Mangel an Uebung im Reden vor zahlreichen Versammlungen, meinen Gedankengang verloren, so daß ich nicht im Stande bin, in meiner Beweisführung fortzufahren. Wie hülflos muß dann erst ein armer Mann sein, der, nachdem er noch nie öffentlich gesprochen hat, aufgefordert wird, ohne sich einen Augenblick vorzubereiten, den gewandtesten und erfahrensten Advokaten des Königreichs zu antworten, und dessen Geisteskräfte durch den Gedanken gelähmt werden, daß er, wenn es ihm nicht gelingt, seine Zuhörer zu überzeugen, in wenigen Stunden am Galgen sterben und Die, welche ihm das Theuerste sind, in Armuth und Schande zurücklassen wird.” Man darf vielleicht mit einigem Grunde vermuthen, daß Ashley’s Befangenheit und seine kluge Benutzung derselben sorgfältig vorausbedacht waren. Doch jedenfalls machte seine Rede großen Eindruck und erweckte wahrscheinlich Erwartungen, welche nicht in Erfüllung gingen. Seine Gesundheit war zart, sein Geschmack bis zur Launenhaftigkeit verfeinert; er überließ die Politik bald Männern, deren Körper und Geist von gröberem Stoffe waren als die seinigen, gab sich nur geistigen Genüssen hin, vertiefte sich in die Irrgänge der alten akademischen Philosophie und strebte nach dem Ruhme, die alte akademische Beredtsamkeit wieder zu beleben. Seine gekünstelte und blumenreiche, oft aber wunderbar schöne und melodische Diction bezauberte viele junge Enthusiasten. Er hatte nicht bloß Schüler, sondern Anbeter, sein Leben war kurz, aber er lebte lange genug, um der Gründer einer neuen Secte englischer Freidenker zu werden, dem directen Gegensatze von derjenigen Secte von Freidenkern, deren Orakel Hobbes war. Viele Jahre lang blieben seine „Characteristiken” das Evangelium der romantischen und sentimentalen Ungläubigen, während das Evangelium der kaltblütigen und hartköpfigen Ungläubigen der „Leviathan” war.
Die so oft eingebrachte und so oft verworfene Bill wurde von den Gemeinen ohne Abstimmung angenommen und den Lords zugesandt. Sie kam bald mit der lange streitigen Klausel zurück, welche die Verfassung des Gerichtshofes des Lord High Steward abänderte. Eine zahlreiche Partei unter den Vertretern des Volks war noch immer nicht geneigt, dem Hochadel irgend ein neues Privilegium zu bewilligen; aber der Moment war kritisch. Die Meinungsverschiedenheit, welche zwischen den beiden Häusern wegen der Umprägungsbill entstanden war, hatte Nachtheile erzeugt, die auch einen beherzten Staatsmann wohl beunruhigen konnten. Man mußte ein Zugeständniß durch ein andres erkaufen. Die Gemeinen traten mit hundertzweiundneunzig gegen hundertfunfzig Stimmen dem Amendement bei, auf dem die Lords vier Jahre lang so hartnäckig bestanden hatten, und die Lords genehmigten dagegen unverzüglich die Umprägungsbill ohne Amendement.
Man hatte sich viel über den Zeitpunkt gestritten, zu welchem das neue System des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen in Kraft treten sollte, und die Bill war einmal in Folge eines Streites über diesen Punkt gescheitert. Viele waren der Meinung, daß die Aenderung nicht vor dem Ende des Kriegs Platz greifen dürfe. Es sei notorisch, sagten sie, daß der auswärtige Feind von nur zu vielen einheimischen Verräthern aufgehetzt werde, und zu solchen Zeiten dürften die Gesetze, welche den Staat gegen die Machinationen schlechter Bürger schütze, nicht gelockert werden. Endlich wurde beschlossen, daß die neuen Vorschriften mit dem 25. März, nach dem alten Kalender dem ersten Tage des Jahres 1696, in Kraft treten sollten.
Parlamentsverhandlungen wegen der Verleihung von Kronländereien in Wales an Portland.
Am 21. Januar erhielten die Umprägungsbill und die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen die königliche Genehmigung. Am folgenden Tage begaben sich die Gemeinen in einer Angelegenheit, die sowohl ihnen als auch dem Könige durchaus nicht angenehm war, nach Kensington. Sie waren in ihrer Gesammtheit fest entschlossen, um jeden Preis und auf jede Gefahr hin den König gegen jeden äußeren wie inneren Feind zu schützen. Aber sie waren, wie jede Versammlung von fünfhundertdreizehn englischen Gentlemen, gleichviel durch welches Verfahren sie zusammengebracht sein mochte, es naturgemäß sein mußte, eifersüchtig auf die Gunst, die er seinen Jugendfreunden bewies. Er hatte sich vorgenommen, das Haus Bentinck in Ruhm und Glanz auf gleiche Stufe mit den Häusern Howard und Seymour, Russell und Cavendish zu stellen. Einige der schönsten Erbdomänen der Krone waren Portland verliehen worden, nicht ohne Murren von Seiten der Whigs wie der Tories. Es war allerdings nichts geschehen, was nicht mit dem Buchstaben des Gesetzes und mit einer langen Reihe von Präcedenzfällen im Einklang gestanden hätte. Seit undenklichen Zeiten hatte jeder englische Souverain die Güter, in deren Besitz er kraft seines Amtes getreten war, als sein Privateigenthum betrachtet. Jede Familie, die in England mächtig gewesen war, von den De Vere bis herab zu den Hyde, war durch königliche Schenkungen bereichert worden. Karl II. hatte aus seinen Erbgütern Herzogthümer für seine Bastarde herausgeschnitten. Auch enthielt die Rechtsbill nicht ein Wort, welches dahin hätte gedeutet werden können, daß es dem Könige nicht vollkommen freistände, sich jeden Theils der Krongüter zu entäußern. Anfangs rief daher Wilhelm’s Freigebigkeit gegen seine Landsleute, wenn sie auch viel Unzufriedenheit erregte, keine Remonstrationen von Seiten des Parlaments hervor. Aber er ging endlich zu weit. Im Jahre 1695 befahl er den Lords des Schatzes eine Urkunde auszufertigen, welche Portland eine prachtvolle Herrschaft in Denbighshire verlieh. Diese Herrschaft sollte über hunderttausend Pfund werth sein. Der jährliche Ertrag derselben kann sich daher auf kaum weniger als sechstausend Pfund belaufen haben, und die der Krone vorbehaltene Jahresrente betrug nur sechs und acht Pence. Dies war jedoch noch nicht das Schlimmste. Mit dem Besitze waren ausgedehnte Regalien untrennbar verbunden, welche die Bewohner von Nordwales nicht geduldig in den Händen irgend eines Unterthanen sehen konnten. Mehr als hundert Jahre früher hatte Elisabeth einen Theil des nämlichen Gebiets ihrem Günstling Leicester verliehen. Bei dieser Gelegenheit hatte sich das Volk von Denbighshire mit bewaffneter Hand erhoben, und nach vielen tumultuarischen Auftritten und mehreren Hinrichtungen hatte Leicester es für rathsam gehalten, die Schenkung seiner Gebieterin zurückzugeben. Die Opposition gegen Portland war minder gewaltthätig, aber eben so erfolgreich. Einige der angesehensten Gentlemen des Gebiets machten den Ministern, durch deren Bureaux das Dokument gehen mußte, nachdrückliche Vorstellungen und brachten endlich den Gegenstand bis vor das Unterhaus. Es wurde einstimmig eine Adresse votirt, welche den König ersuchte, die Schenkung zurückzunehmen; Portland bat, daß man ihn nicht zu einem Zankapfel zwischen seinem Gebieter und dem Parlamente machen möchte, und der König fügte sich, wenn auch tief verletzt, dem allgemeinen Wunsche der Nation.[94]
Diese unglückliche Geschichte hinterließ, wenn sie auch nicht in einen offenen Streit ausging, doch viel böses Blut. Der König war aufgebracht gegen die Gemeinen und noch aufgebrachter gegen die whiggistischen Minister, die es nicht gewagt hatten, seine Schenkung zu vertheidigen. Die loyale Zuneigung, welche das Parlament ihm in den ersten Tagen der Session bewiesen hatte, war merklich erkaltet, und er war fast so unpopulär wie er es je gewesen, als ein Ereigniß eintrat, das ihm plötzlich die Herzen von Millionen wiedergewann und ihn auf einige Zeit in eben dem Grade zum Abgott der Nation machte, wie er es zu Ende des Jahres 1688 gewesen war.[95]