Am Nachmittage des Tages, an welchem Fenwick vom Könige in Kensington befragt worden war, begann sich das Gerücht zu verbreiten, daß Goodman vermißt werde. Er war seit vielen Stunden vom Hause abwesend und man hatte ihn nicht an den Orten gesehen, die er zu besuchen pflegte. Zuerst entstand der Verdacht, daß die Jakobiten ihn ermordet hätten, und dieser Verdacht wurde durch einen sonderbaren Umstand verstärkt. Kurz nach seinem Verschwinden war ein vom Rumpfe getrennter Menschenkopf gefunden worden, der so furchtbar zerfleischt war, daß sich kein Zug im Gesicht mehr erkennen ließ. Die Menge, von dem Gedanken besessen, daß es kein Verbrechen gebe, zu dessen Verübung sich nicht ein irischer Papist finden würde, war zu dem Glauben geneigt, daß das Schicksal Godfrey’s ein neues Opfer betroffen habe. Bei näherer Untersuchung stellte es sich jedoch als gewiß heraus, daß Goodman sich absichtlich entfernt hatte. Es erschien eine Bekanntmachung, welche Demjenigen, der den Flüchtling ergreifen würde, eine Belohnung von tausend Pfund versprach; aber es war zu spät.[63]

Dieser Vorfall erbitterte die Whigs über die Maßen. Keine Jury konnte jetzt Fenwick des Hochverraths schuldig erklären. Sollte er also davon kommen? Sollte eine lange Reihe von Verbrechen gegen den Staat ungestraft bleiben, lediglich weil zu diesen Verbrechen noch das neue Verbrechen gekommen war, einen Zeugen zu bestechen, damit er seine Aussage unterdrücke und sich der Bürgschaftleistung durch die Flucht entziehe? Gab es kein außergewöhnliches Mittel, durch das die Justiz einen Verbrecher erreichen konnte, der einzig und allein weil er schlimmer war als andere Verbrecher außer dem Bereiche des gewöhnlichen Gesetzes stand? Es gab ein solches Mittel, das durch zahlreiche Präcedenzfälle autorisirt war, das während der Wirren des 16. Jahrhunderts die Papisten sowohl als die Protestanten, und während der Wirren des 17. Jahrhunderts die Rundköpfe sowohl als die Cavaliere angewendet hatten, ein Mittel, das kein Führer der Torypartei verdammen konnte, ohne sich selbst zu verurtheilen, und über das sich Fenwick anständigerweise nicht beklagen konnte, da er selbst wenige Jahre früher eifrig dafür gewesen war, es gegen den unglücklichen Monmouth anzuwenden. Zu diesem Mittel beschloß die Partei, die jetzt im Staate die Oberhand hatte, zu greifen.

Parlamentarische Maßnahmen in Bezug auf Fenwick’s Geständnisse.

Bald nachdem die Gemeinen am Morgen des 6. Novembers zusammengetreten waren, erhob sich Russell auf seinem Platze und bat um Gehör. Die Aufgabe die er übernommen hatte, erforderte einen Muth nicht von der ehrenwerthesten Art; aber ihm fehlte es an keiner Art von Muth. Sir John Fenwick, sagte er, habe dem Könige eine Schrift übersandt, in der schwere Beschuldigungen gegen einige Diener Sr. Majestät erhoben wären, und Se. Majestät habe auf Ersuchen seiner angeklagten Diener zu befehlen geruht, daß diese Schrift dem Hause vorgelegt werde. Das Bekenntniß wurde vorgelesen. Hierauf verlangte der Admiral mit einem Muthe und einer Würde, die eines besseren Mannes werth gewesen wären, Gerechtigkeit für sich und Shrewsbury. „Wenn wir unschuldig sind, so reinigen Sie uns. Wenn wir schuldig sind, so bestrafen Sie uns wie wir es verdienen. Ich übergebe mich Ihnen als meinem Vaterlande und bin bereit, nach Ihrem Urtheilsspruche zu stehen oder zu fallen.”

Es wurde sofort angeordnet, daß Fenwick schleunigst vor die Schranke gebracht werden solle. Cutts, der als Abgeordneter für Cambridgeshire im Hause saß, wurde angewiesen, für eine genügende Eskorte zu sorgen, und ihm noch besonders eingeschärft, darauf Bedacht zu nehmen, daß der Gefangene auf dem Wege von Newgate nach Westminster keine Gelegenheit habe, eine mündliche oder schriftliche Mittheilung zu geben oder zu empfangen. Dann vertagte sich das Haus bis zum Nachmittag.

Um fünf Uhr, damals eine späte Stunde, wurde das Scepter wieder auf den Tisch gelegt und das Haus und die Vorhallen sorgfältig von Fremden gesäubert. Fenwick wartete draußen unter starker Wache. Er ward hereingerufen und vom Sprecher aufgefordert, ein vollständiges und offenes Geständniß abzulegen. Er zögerte und machte Ausflüchte. „Ich kann ohne Erlaubniß des Königs nichts sagen. Es könnte Sr. Majestät mißfällig sein, wenn etwas, was nur er erfahren darf, Anderen mitgetheilt würde.” Es wurde ihm hierauf entgegnet, daß seine Besorgnisse ungegründet seien. Der König wisse sehr wohl, daß es das Recht und die Pflicht seiner getreuen Gemeinen sei, Alles zu untersuchen, was die Sicherheit seiner Person und seiner Regierung betreffe. „Mein Prozeß kann in einigen Tagen beginnen,” sagte der Gefangene. „Man kann nicht von mir verlangen, etwas zu sagen, was vor Gericht gegen mich sprechen könnte.” — „Sie haben nichts zu fürchten,” erwiederte der Sprecher, „wenn Sie nur vollständige und unumwundene Enthüllungen machen. Nie hat Jemand Ursache gehabt, es zu bereuen, daß er gegen die Gemeinen England’s aufrichtig gewesen war.” Nun bat Fenwick um Aufschub. Er sei kein gewandter Redner, er habe ein schlechtes Gedächtniß, er müsse Zeit haben, um sich vorzubereiten. Man sagte ihm, wie dies schon einige Tage vorher im königlichen Cabinet geschehen war, daß er, ob vorbereitet oder nicht, sich doch nothwendig der hauptsächlichsten Complots, bei denen er betheiligt gewesen sei, und der Namen seiner Hauptmitschuldigen erinnern müsse. Wenn er das was er unmöglich vergessen haben könne, ehrlich erzählte, so würde das Haus alle billigen Rücksichten nehmen und ihm Zeit lassen, sich auf untergeordnete Details zu besinnen. Dreimal wurde er von der Schranke entfernt und dreimal wurde er dahin zurückgebracht. Man machte ihn mit feierlichem Ernste darauf aufmerksam, daß die ihm jetzt gegebene Gelegenheit, sich die Gunst der Gemeinen zu erwerben, wahrscheinlich die letzte sein werde. Er beharrte in seiner Weigerung und wurde nach Newgate zurückgebracht.

Es wurde nun beantragt zu resolviren, daß sein Bekenntniß falsch und verleumderisch sei. Coningsby schlug den Zusatz vor, daß es den Zweck habe, Mißtrauen zwischen dem Könige und guten Unterthanen hervorzurufen, um wirkliche Verräther dem Arme der Gerechtigkeit zu entziehen. Einige unversöhnliche und starrköpfige Whigs, deren Haß gegen Godolphin durch seinen Rücktritt nicht gemildert worden war, sprachen Zweifel aus, ob das ganze Schriftstück verworfen werden dürfe. Aber nach einer Debatte, in der sich Montague besonders auszeichnete, wurde der Antrag angenommen. Ein paar Stimmen riefen zwar „Nein,” aber Niemand wagte es eine Abstimmung zu verlangen.

Bill zur Verurtheilung Fenwick’s.

So weit war Alles mit Ruhe abgegangen; aber in wenigen Minuten brach der Sturm los. Das furchtbare Wort Verurtheilungsbill wurde ausgesprochen und alsbald erwachten alle heftigen Leidenschaften der beiden großen Parteien. Die Tories waren überrascht worden und viele von ihnen hatten das Haus verlassen. Die Zurückgebliebenen erklärten laut, daß sie nie in eine solche Verletzung der ersten Grundsätze der Gerechtigkeit willigen würden. Die Whigs waren nicht minder heftig und ihre Reihen waren ungelichtet. Der Antrag auf Erlaubniß zur Einbringung einer Verurtheilungsbill gegen Sir John Fenwick wurde spät Abends mit hunderteinundsiebzig gegen einundsechzig Stimmen angenommen, aber es war unzweifelhaft, daß der Kampf lang und heiß werden würde.[64]