Ihr republikanischer Geist. [Da] man diese Leute nicht überzeugen konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung äußerte ihre natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und machte daraus eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich nun auch der Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich, indem eines die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der Puritaner über das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und Beherrschten waren von denen weit verschieden, die in den Homilien eingeschärft wurden. Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch Wort und Beispiel zum Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger ermuthigt; die calvinistischen Genossen in Frankreich, Holland und Schottland hatten die Waffen gegen götzendienerische und grausame Regenten ergriffen, und die Ansichten derselben über Staatsregierung nahmen die Färbung der Ansichten von der Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in einem Parlamente bewahrt sei.
Wie nun der Priester der Staatskirche aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war, so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen Grundbesitzern auf dem Lande die meisten.
Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische parlamentarische Opposition. [Schon] in den ersten Regierungsjahren Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität in dem Hause der Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze Aufmerksamkeit auf die innern Angelegenheiten hätten richten können, so unterliegt es keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem Parlamente sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für innere Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die festeste Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die ihnen drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich, mit sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen verzweifelten Kampf um Religion und Unabhängigkeit zu bestehen haben würden, und von der Befürchtung eines argen Verrathes im eignen Lande waren sie keinen Augenblick frei, denn damals war es auch für viele edle Charaktere ein Gewissens- und Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der Religion zu opfern. Eine Reihe schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen gegen das Leben der Königin und die Existenz der Nation ausgebrütet, hielt die Gesellschaft in steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre Fehler gehabt haben, es ist dennoch klar, daß, nach menschlichem Ermessen, das Schicksal des Reichs und aller reformirten Kirchen von der Sicherheit ihrer Person und von dem Glücke ihrer Regierung abhing. Es war daher die erste Pflicht eines Patrioten und Protestanten, die Autorität derselben zu kräftigen, und diese Pflicht ward treulich erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker, wohin Elisabeth sie gesendet hatte, beteten die Puritaner mit ungeheuchelter Inbrunst, daß die Königin vor dem Dolche des Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der Aufruhr zu ihren Füßen niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser und zu Lande siegreich sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger jener hartnäckigen Sekte, dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte, weil er sich durch seinen maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte hinreißen lassen, schwenkte unmittelbar nach der Exekution mit der ihm gebliebenen Hand seinen Hut und rief: Gott erhalte die Königin! Das Gefühl, das diese Leute bei ihrem Anblicke beseelte, ist auf die Nachkommen übergegangen, und die Nonconformisten, obgleich sie von ihr sehr streng behandelt wurden, haben in der Gesammtheit stets ihr Andenken ehrend bewahrt.[5]
Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die Puritaner im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so versuchten sie doch nie, in einer systematischen Opposition ihr entgegenzutreten. Als aber durch die Niederlage der Armada, den glücklichen Widerstand der Vereinigten Niederlande gegen die spanische Macht, die Befestigung des Thrones Heinrichs IV. von Frankreich und durch den Tod Philipps II. Staat und Kirche gegen alle Gefahr von Außen gesichert war, begann sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der mehrere Generationen hindurch dauern sollte.
[5.] Der puritanische Geschichtsschreiber Neal, nachdem er ihre Härte gegen die Sekte getadelt, der auch er angehörte, sagt schließlich: Die Königin Elisabeth wird trotz dieser Makel in der Geschichte eine weise und staatskluge Fürstin bleiben, denn sie befreite ihr Königreich von den Bedrängnissen, in denen es sich bei ihrem Regierungsantritte befand, und schützte die protestantische Reformation, nach außen hin, gegen die mächtigen Angriffe des Papstes, des Kaisers und des Königs von Spanien, im Innern gegen die der Königin von Schottland und ihrer papistischen Unterthanen. Sie war der Ruhm des Zeitalters, in dem sie lebte, und wird die Bewunderung der Nachwelt sein. — History of the Puritans, Part I. Chap. VIII.
Monopolfrage. [In] dem Parlamente von 1601 lieferte die Opposition, die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte gesammelt und gespart hatte, ihre erste große Schlacht, und gewann ihren ersten Sieg. — Der Boden war gut gewählt. Die englischen Souveraine sind stets mit der obersten Leitung der Handelspolizei betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare Recht der Münz-, Gewicht- und Maß-Regulirung, der Bestimmung der Messen, Märkte und Häfen. Die Grenzlinie ihrer Autorität in Handelsangelegenheiten war, wie gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet; wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden, wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten — da versammelte sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und entschlossenen Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte Minderzahl den Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in Frage stellen lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten Partei fand in der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. — Ein wüthender Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der Krone, verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet werden, daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle. Mit bewunderungswürdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin aber den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei, entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu leisten nicht möglich ist.
Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und desselben Reichs. [Im] Jahre 1603 starb die große Königin. In vielen Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten Epochen unserer Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder mit England vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur Unterwerfung gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem Joche gefügt. Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine Unabhängigkeit wieder erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein besonderes Königreich gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der Insel dergestalt vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als verletzt wurde. Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die fremden Eroberer vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen sie gekämpft. Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war die englische Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen Heinrichs VII. war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die irischen Besitzungen dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften Dublin und Louth, einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen an der Küste zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster selbst war noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und Connaught standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, theils ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und celtische Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen. Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten, hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors unterworfen. Wenig Wochen vor Elisabeths Tode ward endlich durch Mountjoy die Eroberung vollendet, die Strongbow vor mehr als vierhundert Jahren begonnen hatte. Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die letzten O’Donnell und O’Neill, die bisher in dem Range unabhängiger Fürsten gestanden, zu Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen seine Erlasse in Irland Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre Assisen, und das englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die unter den eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.
Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.
Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden und die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch, und bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.
Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide Nationen durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer, Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den Nationen des nördlichen Europa’s besaßen sie allein die Empfänglichkeit, die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit, so wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen, die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser’s dennoch eine schöne, reine Poesie zu enthalten schienen.