Sternkammer und Hohe Commission. [Die] Gerichtshöfe gewährten den Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission; die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses Inquisitions­gericht, und keins von Beiden war aus der alten Verfassung Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors umgestaltet, und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die Gewalt dieser Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und furchtbar gewesen, so zeigte sie sich jetzt in einer Gestalt, daß jene nur gering erscheint. Von dem gewaltigen Geiste des Primas hauptsächlich geleitet, und von der parlamentarischen Aufsicht befreit, bethätigten sie eine Raubgier, eine Grausamkeit und eine boshafte Energie, die man in frühern Zeiten nie gekannt hatte. Mit Hilfe derselben war es der Regierung möglich, nach Willkür Geldstrafen aufzuerlegen, einzukerkern, an den Pranger zu stellen und zu verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath unter dem Präsidium Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem Gesetz und nur durch die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt, eine fast maßlose Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle diese Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz bietend, verübten täglich Excesse, welche selbst von den hervorragendsten Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons Bericht gab es kaum einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte und Gier der Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die Hohe Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger im Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war nördlich vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.

Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so despotisch, als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine hohe Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer, in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten, empfohlen hatte.

Schiffsgeld. [Es] hatten nämlich die alten englischen Könige die Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands liegenden Grafschaften zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen gerufen, sondern auch die Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe zur Vertheidigung der Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man mitunter Geld genommen. Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach einem langen Zeitraume, nicht nur wieder einzuführen, sondern auch auszudehnen. Früher hatten die Fürsten nur zur Zeit des Krieges Schiffsgeld erhoben — jetzt forderte man es in einer Zeit tiefen Friedens ein. Wenn früher die Fürsten, selbst in den gefährlichsten Kriegen, das Schiffsgeld nur in den Küstengegenden erhoben hatten, so nahm man es jetzt von den Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte man das Schiffsgeld eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur See zu bewirken; jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst zugestehen, nicht um eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige Gelder zu verschaffen, deren Betrag er nicht nur nach Belieben ausdehnen, sondern auch zu jedem beliebigen Zwecke verwenden konnte.

Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, ein reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in seiner nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des Königreichs noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen Gewalt der Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr die Hoheitsrechte zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall ward den Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie abhängig und knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke Gründe gegen die Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen Hampden so klein als nur möglich ausfiel — aber es war immer eine Majorität. Die Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche Machtspruch eine große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth bemerkte sehr richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu rechtfertigen, die direct zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie nicht gewagt haben würden. — War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung einer Flotte ohne Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte, so ließ sich schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte einer Armee ohne Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.

Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.

Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die Wildnisse Amerika’s für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen Gelingens seines „Durch“. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.

Widerstand gegen die Liturgie in Schottland. [In] dieser Krisis ward die ganze Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt wahnsinniger Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise gewesen, so hätte er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen Schottland verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen seinen Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß ein Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden konnte. Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster entgegenstellte, hatte er allerdings in Edinburg nicht zu fürchten, da das Parlament seines nördlichen Königreichs ein ganz anderer Körper als der war, der in England denselben Namen führte. Es war schlecht zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem seiner Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in einem Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als von den großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte eingebracht werden, bevor nicht die Lords der Artikel, — ein Ausschuß, den die Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach ernannte — ihre Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das schottische Parlament ein fügsames, so hatte sich doch das schottische Volk stets als ein unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen ersten Jakob in dem Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die Waffen gegen Jakob II. erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde erschlagen, durch Ungehorsam Jakob V. das Herz gebrochen, Maria entthront und eingekerkert, hatte den Sohn derselben gefangen gehalten, und war noch eben so unbändig als sonst. Alle seine Gewohnheiten waren roh und kriegerisch. An der ganzen südlichen Grenze, sowie auf der ganzen Landstrecke zwischen den Hoch- und Nieder­landen wüthete beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile war man gewohnt, den Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger Faust abzuhelfen, und wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der Nation an die Stuarts gewesen sein mochte, sie war während der langen Abwesenheit derselben erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die öffentliche Stimmung theilte sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten: unter die der Grundherren und die der Prediger — Grundherren, von demselben Geiste beseelt, der so oft die alten Douglas zum Widerstande gegen das königliche Haus angetrieben, und Prediger, welche Knox’s repulikanische Ansichten und den Starrsinn desselben geerbt hatten. Sowohl die nationalen als die religiösen Gefühle der Bevölkerung waren gleich tief verletzt worden; alle Stände klagten, daß ihr Vaterland, einst so ruhmvoll um seine Unabhängigkeit gegen die fähigsten und muthigsten Plantagenets kämpfend, jetzt durch seine eigenen Fürsten eine englische Provinz, wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That geworden sei. Die calvinistische Lehre und Kirchenordnung hatte in keinem andern Theile Europa’s einen so starken Haltpunkt in der öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse des Volks sah auf die römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem Rechte ein grimmiger zu nennen war, und die Kirche von England, die täglich der von Rom ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer nicht minder großen Abneigung.

Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht. Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt, den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten schlechter war, als jene.

Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung, die Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die Einberufung eines Parlaments bot.