Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist Wentworth nicht verantwortlich zu machen,[11] denn er verwirrte in der That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch nicht in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert zu dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren dem Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im Widerspruche mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn gewesen; es blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im Frühjahr 1640 ward ein solches einberufen.

[11.] Siehe seinen Brief an den Grafen von Northumberland, d. d. 30. Juli 1638.

Ein Parlament wird berufen und aufgelös’t. [Bei] der Aussicht auf Wiederherstellung einer verfassungs­mäßigen Regierung und auf Abhilfe der Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere geworden. Das neue Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und ehrerbietiger gegen den Thron, als alle, die sich seit dem Tode Elisabeths versammelt hatten. Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die Mäßigung dieser Versammlung hoch gepriesen, aber den Häuptern der Opposition scheint sie nicht wenig Sorge und eine große Enttäuschung bereitet zu haben. Karl blieb indeß seiner eben so unpolitischen als unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen seines Volks so lange sich abhold zu zeigen, bis diese Wünsche drohend ausgesprochen wurden. Kaum legten die Gemeinen die Neigung an den Tag, die Beschwerden, unter denen das Land elf Jahre lang gelitten, in Betracht zu ziehen, als der König das Parlament mit allen Zeichen des Mißfallens auflös’te.

Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen Versammlung und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der unter dem Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate, in denen das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der Volksgeist aber sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath ließ Mitglieder des Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen Verhaltens zur Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu stehen, in’s Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten; es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt ihre Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene Folter, und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit für ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten Male angewendet.

Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie gewaltsam fortgerissen, und die im ganzen Lande vorherrschenden religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem Könige gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei dem „Durch“, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen.

Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug, als daß sie die verfassungs­widrigen Funktionen übernahmen, die er ihnen zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst in seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit. Die Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen und Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte gemacht hatten.

Das lange Parlament. [Im] November 1640 trat jenes berühmte Parlament zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und Mißgeschicke, gerechten Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit aller derer hat, die in irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen einer constitutionellen Regierung erfreuen.

Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine Meinungs­verschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die bürgerliche und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so bedrückend und so verfassungs­widrig ausgeübt worden, daß selbst diejenigen Klassen, die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit großem Eifer volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der Tyrannei vor Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward erlassen, wonach zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr als drei Jahre liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem großen Siegel nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt, auch ohne ein solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der Vertreter einzuberufen. Die Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York wurden aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor Gericht gestellt und laut eines Parlaments­beschlusses zum Tode verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging, stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete, das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe.

Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit, vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit Gottes Wort erklärte, beruhigte.

Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien. [Die] Ferien des englischen Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des Wieder­zusammentritts der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen unserer Geschichte. Von diesen Tage an existiren die beiden großen corporativen Parteien, die seitdem stets das Land abwechselnd regiert haben, obgleich der Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat, in einem gewissen Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß, denn er entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der Intelligenz und des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet und so lange finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch den Reiz der Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen leiten zu lassen. Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der Politik, sondern auch in der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in Chirurgie, Mechanik, dem Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in der Mathematik. Überall begegnen wir einer Menschenklasse, die mit Vorliebe an allem Alten hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß und bösen Ahnungen in die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für deren Wohlthätigkeit vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite Menschenklasse, die sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die Unvollkommenheiten des Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und Widerwärtigkeiten der Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt ist, jede Veränderung für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen beider Klassen liegt etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte Beider findet man in der Nähe der gemein­schaftlichen Grenze, der extreme Theil der einen besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der extreme Theil der andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern.