Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung des Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren, konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper, und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte Digby gehalten. Die Anklage des Lord Siegelbewahrers hatte Falkland beantragt, und die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu halten, war an den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als das Gesetz in Betreff der Verurtheilung Strafford’s vorgeschlagen wurde, ließen sich die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst gegen dieses Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der Gemeinen. Es ist gewiß, daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß Falkland nicht nur mit der Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu Gunsten der Bill sprach. Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber hegte, ob eine die Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein könne, hielten es für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung den größten Abscheu auszudrücken.
Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen: Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten.
Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine Lobrede zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch einigermaßen urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem Rufe der Partei, der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben und daß seine Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler heroischen Thaten und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste rühmen kann. Die Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie sich oft bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche Eigenthümlichkeit den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen zweier wetteifernden Verbindungen von Staatsmännern zuschreiben: der einen, die für Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und Fortschritt eiferte.
Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen den beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein Unterschied des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen, zur Rechten wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine kleine Anzahl Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle unsere Rechte und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern Seite gab es ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr Lieblingsphantom, das einer Republik, durch endlose Bürgerkriege verfolgt hätten. Aber die große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem Despotismus nicht zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die Volksrechte wollte die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts stellten beide Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf ein, um ihre Kräfte zur Durchführung einer gemeinschaftlichen Sache zu vereinigen. Ihre erste Vereinigung stellte die erbliche Monarchie wieder her; ihre zweite rettete die verfassungsmäßige Freiheit.
Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse, die nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war; mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich.
Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate. Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle, die aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie, Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle Katholiken. Die Königin, eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu ihrem Glauben; von dem Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin eben so sehr liebte, als er sie fürchtete, und daß er, obgleich unbezweifelt Protestant aus Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten Religion nicht mit Abneigung betrachtete, sondern ihnen gern eine größere Duldung gewährte, als er den Presbyterianern zu bewilligen bereit war. Wenn die Opposition den Sieg davon trug, so wären wahrscheinlich die unter der Regierung Elisabeths erlassenen Blutgesetze streng geübt worden; die Römisch-Katholischen hatten daher die triftigsten Gründe, sich der Sache des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie im Allgemeinen auch mit einer Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der Feigheit und Lauheit auf sich zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich, daß sie bei dieser großen Zurückhaltung nicht minder das Interesse des Königs als ihr eigenes im Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht heilbringend für ihn gewesen, wenn sie sich unter seinen Freunden besonders bemerkbar gemacht hätten.
Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf dem Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder der Staatskirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein nicht entschiedenes.
Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden: „Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen gebüßt — die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden Entschädigung erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter diesen Umständen ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals gerechtfertigt und nothwendig war, als wir nach einem langen Zwischenraume wieder zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen bestehend vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den Despotismus nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie anheimfallen. Die schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland noch vor Kurzem seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung erschütternde Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht; jetzt aber, da diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht zögern, dasselbe Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer Frist unsere Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen, daß wir mißtrauisch die Neuerungspläne in’s Auge fassen und alle jene Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.“
Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der vortreffliche Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite behaupteten nicht geringer befähigte und redliche Männer mit nicht minder ernstem Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des englischen Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof seine Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit der Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze, meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern, so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen.
Der irische Aufstand. [Noch] beharrten beide Parteien in einer feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen, als eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und Beide in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen Häuptlinge von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungsantritte der königlichen Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden Abhängigkeit müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und waren des Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen Besitzungen fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden englischer und schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler überragten an Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und mißbrauchten nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die Verschiedenheit des Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der Religion noch vermehrt. Unter Wentworth’s eiserner Herrschaft hatte sich zwar kaum ein leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke Druck aufgehoben, als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen Widerstandes geliefert, und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu thun hatte, da brach die verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen Gewaltthätigkeiten aus. Die Eingeborenen erhoben sich gegen die Colonisten. Ein Krieg, dem nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher. Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten. Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht, so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht, wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in Whitehall vorbereitet habe.