Die Remonstration. [Am] 22. November 1641 fand nach einem Vorspiele von einigen Wochen der erste große parlamentarische Kampf zwischen den Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung der Nation gestritten haben und noch darum streiten. Die Opposition stellte den Antrag, das Haus der Gemeinen möge dem Könige eine Vorstellung übergeben, in der die Fehler, die er seit seiner Thronbesteigung in der Verwaltung begangen, aufgezählt würden, und die zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das Volk seine Politik betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig Monaten einstimmig die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war jetzt in zwei heftig erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke getheilt. Nach einer mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte Remonstration mit nur elf Stimmen angenommen.

Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue gegen seine Unterthanen an den Tag legte.

Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das Unterhaus verletze.

Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen.

Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte, haßte, ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn in beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber, die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen, aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths Pläne des „Durch“ wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden.

Anklage der fünf Mitglieder. [Einige] Tage nach dem den Häuptern der constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein wichtiger Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym, Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in Person, unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften.

Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung. Die gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs über sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß er schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen seiner Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit hinreißen zu lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines weit schwerern Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine Unterthanen, lange durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit Gefühlen des Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten, führte er einen tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die Vorrechte des Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der Geschwornen­gerichte, und zeigte, daß er eine Opposition gegen seine Willkürpläne für eine nur durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er war nicht nur seinem großen Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen eigenen Anhängern untreu geworden, und hatte einen Schritt zu thun gewagt, der wahrscheinlich einen blutigen Kampf an dem Stuhle des Sprechers hervorgerufen haben würde, wenn ihn ein unvorhergesehener Zufall nicht verhindert hätte. Es fühlten jetzt die einflußreichsten Männer im Unterhause, daß nicht nur ihre Macht und Popularität, sondern auch ihre Güter und Köpfe von dem Ausgange des Kampfes, in den sie verwickelt waren, abhingen. Der gesunkene Eifer der dem Hofe entgegenstehenden Partei erhob sich plötzlich wieder zu neuem Leben. Die ganze Nacht, die auf den Frevel folgte, stand die City von London unter Waffen. Die der Hauptstadt zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden schon mit Schaaren von Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der Parlamentssache an den Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im Hause der Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös’t. Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach, und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der Ehrerbietung, zum Staats­gefangenen zu machen.

Karls Abreise von London. [Er] verließ London, um nicht eher dorthin zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen Könige seit undenklichen Zeiten waren und noch bis auf den heutigen Tag sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser kein Minister ernannt, kein Pair gewählt werden, und vor Allem sollte der Souverain sich der höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer Zeit, deren sich niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört hatte.

Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch irgend ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es würde auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit Sicherheit weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation hielt fest an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten waren nur noch wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut auszusprechen. Die Abschaffung des Königthums war daher eine Unmöglichkeit; aber zugleich war es klar, daß man in den König kein Vertrauen setzen durfte. Es hätten Diejenigen, die sein Streben nach ihrer Vernichtung aus jüngster Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt, wenn sie sich damit begnügt hätten, ihm eine andere Bitte um Recht einzureichen, und von ihm neue, denen ähnliche Versprechungen anzunehmen, die er wiederholt gegeben und nicht gehalten hatte. Nur der Mangel einer Armee hatte ihn verhindert, die alte Reichsverfassung völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung Irlands hatte die Aufstellung einer großen regelmäßigen Armee nöthig gemacht, es wäre daher reiner Wahnsinn gewesen, hätte man die volle Militairgewalt, wie sie seine Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen wollen.