Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch im Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand, wie die Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel, wodurch die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum Glück ein Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht der Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786 einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß, unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen, immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung gab.
Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und Cavalieren. [Die] Coalition, welche den König wieder auf den Thron erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in’s Leben gerufen; aber wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den Kampfplatz. Ihre einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung einiger Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte. Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes, der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln, aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber, nachdem sie von dem Blute der Königsmörder gesättigt waren, wandten sich die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße, selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe.
Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen? War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan, welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen, und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere, die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten? Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand? Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt, anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten, daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet; aber wer anders als sie habe ihn denn vorher umgestürzt? und noch jetzt huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar leicht zur Wiederholung einer solchen That führen könnten. Daß die königliche Gnade einige von denen berühren möchte, welche sich bei Wiederherstellung des Thrones besonders nützlich gezeigt, fand man zwar angemessen, aber die Pflicht der Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die Staatsklugheit geböten, daß der König seine Gnade über die treuen Männer ausschütte, welche in den Tagen des Glücks wie der Gefahr zu ihm und seinem Hause gestanden. Aus diesen Gründen beanspruchte der Adel natürlich Entschädigung für seine Leiden und besondere Rücksicht bei Austheilung der königlichen Gnadenbeweise. Einige exaltirte Männer dieser Partei gingen sogar noch weiter und verlangten ausgedehnte Proskriptionslisten.
Religiöse Uneinigkeit. [Noch] erbitterter wurde der politische Kampf durch einen religiösen Streit. Der König fand die Kirche in einem eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des Bürgerkrieges hatte Karl I., wenn auch mit Widerstreben, einer von Falkland unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die Bischöfe ihres Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat aber und die Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden. Das lange Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution hervorgerufen. Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch als das, welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die Rathschläge des äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß gefaßt, die weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen. Sie hatten sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form der Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß von allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz an das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-, Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in Middlesex und Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von Bevollmächtigten, welche den Namen „Prüfer“ (Triers) führten und von denen die meisten Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige wenige presbyterianische Pfarrer sowie einige Laien in diesem Kollegium Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese Prüfer gaben, vertrat die Stelle sowohl der Einsetzung als der Einführung, und Niemand konnte eine geistliche Pfründe erhalten, wenn er nicht ein solches Zeugniß besaß. Ohne Zweifel war dies eine Handlung des Despotismus, wie sie wohl selten von einem Beherrscher Englands ausgegangen, aber bei der allgemeinen Überzeugung, daß ohne eine solche Maßregel das Land von liederlichen und unwissenden Menschen überschwemmt werden müsse, welche den Namen von Geistlichen trügen und deren Einkommen verzehrten, erhoben mehrere Männer, die in hoher Achtung standen, ihre Stimme, und, obgleich keine Freunde Cromwells, erklärten sie laut, daß er in diesem Falle als ein öffentlicher Wohlthäter gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die Prüfer zur Bekleidung eines geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen ihre Pfarreien in Besitz, bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten, beteten ohne Buch und Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an Kommunikanten, welche an langen Tafeln saßen.
In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung. Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlamentsverordnung hatte die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte Gesetz noch die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft. Die Kirche in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger Körper, zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge von Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der Regierung nieder- und zusammengehalten wurden.
Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium. Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen. Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzialversammlung gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser gesetzmäßig „Bischof“ genannt werden könne. Man könne eine revidirte Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse, einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls, bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach. Ihr Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm waren, hielten es mit der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin ihrer Feinde war. Gebete und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem Troste, welcher ihnen daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches den Rundköpfen dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel, durch Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche zur Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit hauptsächlich deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten.
Unpopularität der Puritaner. [So] tadelnswerth diese Gefühle auch immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern auch wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten, treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in’s Feuer geworfen werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben, welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter, selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt. So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals eine Lieblingsunterhaltung für Vornehme und Geringe. Es ist bemerkenswerth, daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem Gefühle hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich in’s Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit der Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die Bärenhetze nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die Zuschauer daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude ersonnen, nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.[1]
Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden Kinder in’s Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen, die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln, und daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen. Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste brachen an verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die Konstabler wurden mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die Häuser bekannter Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das verbotene Gebet des Tages abgehalten.
So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer wie der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich in Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten zu lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich ein Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener Ansicht und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich selbst unter seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir Hudibras. Sie störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben mit roher Gewalt festliche Versammlungen auseinander und warfen die Fiedler in das Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer der Soldaten. Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und Glockenläuten unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London unterbrachen sie zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen, welche durch kein Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors gestört worden waren.
Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren die Eigenthümlichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine Kleidung, seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel Gegenstände des Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen viel widerlicher bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen Reiches führte, als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es schon lächerlich erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus dem Munde von Tribulation Wholesome (heilsame Trübsal) und Zeal-of-the-Land Busy (geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel lächerlicher, wenn sich Heerführer und hohe Staatsbeamte desselben bedienten. Hierbei ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution einige Sekten in’s Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was man bis dahin in England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein wahnsinniger Schneider, zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend verkündete er ewige Qualen allen denjenigen, welche an seiner Versicherung zweifelten, daß das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei und die Entfernung der Sonne von der Erde genau vier Meilen betrage.[2] Die größte Heiterkeit erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es eine Verletzung der christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person in der Mehrheit anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und Wodan, wenn man vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche. Wenige Jahre später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und sie gelangte zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die verächtlichsten Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der Meinung des Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie mit großer Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste verfolgt. Das Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen kümmert, verwechselte die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker und haßten das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche Manieren hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und Vergnügungen. Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so wurden sie doch von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine Kategorie geworfen, und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich hatten, vermehrte die Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge gegen beide fühlte.