Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs, welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst ehrenvoll unter den Senatoren aus, welche ernstlich bemüht waren, den Beschwerden der Nation abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen Beschwerden, welche das Concil von York betraf, wurde hauptsächlich durch seine Bemühungen beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als die Reformpartei und die Partei der Conservativen sich gegen einander schaarten, trat er mit vielen weisen und braven Männern auf die Seite der Conservativen. Von jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs, genoß König Carls I. volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende Charakter und die gewundene Politik dieses Monarchen solches einem Minister überhaupt gewähren konnten, und ging später mit Carl II. in die Verbannung, wo er dessen politisches Verhalten leitete.
Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein engverwandtschaftliches Verhältniß getreten, indem durch eine bisher geheimgehaltene Vermählung seine Tochter Herzogin von York und deren Nachkommenschaft dadurch zur Thronfolge berechtigt worden sei. In Folge dieser hohen Verbindung gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn über die ältesten und angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in mancher Hinsicht war er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen gewachsen, indem nicht nur in Abfassung wichtiger Staatsschriften, sondern auch in Rath und Parlament er sehr anerkennungswerthe diplomatische Befähigung zeigte. Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der Staatskunst, verstand es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten der Charaktere mit geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht nur ein starkes Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen, sondern auch eine tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und aufrichtige Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er stolz und anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich, daß ein Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung getrieben, und der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem Augenblicke, wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an die Spitze der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer und gewandter Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der Fall. Als er, dem Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen hatte, erbittert durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner Partei und seines Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in dem Zeitraume von 1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande ereignete, vom fernen Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten von dem Stande der Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter Parteimänner, deren zerrüttete Vermögensverhältnisse ihren Geist mit Wuth und Verzweiflung erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse beurtheilte er nicht nach dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und den Ruhm seines Volkes vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die sie ihm zur Rückkehr boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht verhehlte, war, daß niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge, bis die alte Königsfamilie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz genommen habe. Als er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit gehabt hatte, sich von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu unterrichten, und zu ermitteln welche Veränderungen vierzehn ereignißvolle Jahre in dem Charakter und den Gesinnungen des englischen Volks herbeigeführt, sofort die Leitung des Staates übergeben. In solchem Falle würde wohl selbst ein Minister von größter Umsicht und bei aller Geneigtheit gute Lehre anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein; Takt aber, und Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah in England noch das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein Antlitz verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen, welche die Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht daran dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der Gemeinen aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf die zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das gemeinschaftliche Gebetbuch vereinigte sich mit einem racheglühenden Hasse gegen die Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch dem Christen zur Ehre gereichte.
Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die Königsfamilie zurückrief, versammelt war, war eine Wiederherstellung des alten kirchlichen Systems unausführbar. Nicht allein, daß der Hof seine Pläne völlig geheim hielt, der König hatte auch in feierlichster Weise Zusicherungen ertheilt, durch welche die Gemüther der gemäßigten Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er hatte vor seiner Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen Unterthanen völlige Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses Versprechen jetzt erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit allen Kräften dahin wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine Vereinigung herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß Bischöfe und Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen, und daß eine Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern bestehend, eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in Betreff des Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei der Taufe, sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise gelöst werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen, welche er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses geschehen war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit wenigen Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen politischer Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten, hatte er bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren jährlicher Betrag auf eine Million zweimalhunderttausend Pfund geschätzt ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone, reichte damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt, die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf’s heftigste erbittert und beunruhigt haben.
Allgemeine Wahl von 1661. [Zu] Anfang des Jahres 1661 fand eine allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in’s Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für Krone und Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und Demüthigungen noch nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe angethan. Als die Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften, unter deren Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere Jahre hindurch war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum eingenommen als der König selbst, und günstiger gestimmt für das Episcopat als die Bischöfe. Carl und Clarendon waren über die Vollständigkeit ihres Erfolgs fast bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit mit der Ludwigs XVIII. und des Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815 die Kammer versammelt war. Hätte der König auch wirklich die Absicht gehabt, die Versprechungen, welche er den Presbyterianern gemacht, zu erfüllen, es würde jetzt gar nicht mehr in seiner Macht gestanden haben. Nur seinen eifrigen Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche Adel verhindert wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und erbarmungslose Rache auszuüben für die erduldeten Leiden.
Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente. [Die] Gemeinen eröffneten ihre Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei Strafe der Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche die alte Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im Hofe des Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte durchgesetzt, welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein dem König zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so extremen Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König gewaltsamen Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche ebenfalls durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid, daß er Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen, zur bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt. Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten. Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses Beispiel nachzuahmen.
Verfolgung der Puritaner. [Bald] erschienen Strafgesetze gegen die Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung vergebens ihres Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen konnte, ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte seines Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals lag. Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die Stufen des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen sich auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König schwankte, seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er nicht abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu übertragen. Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer des Hauses der Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem Einflusse tieferer Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der König. Nach einigem scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit einem Anschein von Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln gegen die Separatisten. Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste der Dissenters beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne Jury verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das Verbot übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit überlegter Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes nicht nach Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht hatte, gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden, welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.
Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie. [Die] englische Kirche erkannte den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung erfreute, dankbar an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens Anhänglichkeit an die Monarchie gezeigt, aber während des Vierteljahrhunderts, welches der Restauration folgte, überstieg ihr Eifer für königliches Ansehen und erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte mit dem Hause der Stuarts gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung gekommen; sie war mit ihm durch gemeinschaftliche Interessen, Freundschaften und Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich, daß jemals eine Zeit eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den Nachkommen des erlauchten Märtyrers vereinte, zerrissen, wo die Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören würde, ihr eine angenehme und vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries deshalb in den widerlichsten Phrasen jenes Vorrecht, welches stets bemüht war sie zu vergrößern und zu vertheidigen, und verdammte auf das Behaglichste die Ruchlosigkeit derjenigen, welche durch Bedrückung, die sie selbst nicht zu erwarten hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die Verwerfung des Widerstandes war ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug sie ohne jede Einschränkung vor und entwickelte sie bis zu den äußersten Consequenzen. Ihre Anhänger wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn England das Unglück haben sollte von einem König wie Busiris oder Phalaris heimgesucht zu werden, welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle rechtlichen Gründe täglich hunderte von unschuldigen Opfern zu Folterqualen und Tod verdammte, überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle Stände des Königreichs insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen physische Gewalt entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der menschliche Charakter hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien eben nur Theorien bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da standen die Männer, welche laut und aufrichtig diese grenzenlose Loyalität zur Schau getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands dem Throne mit den Waffen in der Hand gegenüber.
Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine Besitzer. Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht bestätigt hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die Bischöfe, die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische Adel: sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt, aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer Handlungsweise tragen.
Veränderung in den Sitten der Gesellschaft. [Während] die erwähnten Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein. Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah, nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde, welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die gottseligen Reden, argwöhnisch gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster. Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene Lasterhaftigkeit des Königs und seiner Günstlinge sanktionirt worden wäre. Nur einige bejahrte Räthe Carls I. bewahrten noch den sittlichen Ernst, welcher dreißig Jahre früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu ihnen gehörten Clarendon selbst, sowie seine Freunde Thomas Wriothesley, Earl von Southampton, Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von Ormond, der, nachdem er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für seines Königs Sache in Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt als Statthalter regierte. Aber weder das Andenken an die Verdienste dieser Männer noch ihre hohe Stellung im Staate schützte sie vor den Sarkasmen, welche neumodische Laster so gern auf veraltete Tugend schleudern. Der Ruf feiner Bildung und angenehmer Manieren war kaum zu erlangen, wenn man sich nicht zur Verletzung der Schicklichkeit entschloß. Bedeutende und vielseitige Talente unterstützten die Verbreitung dieses moralischen Übels nach Kräften. Die Moralphilosophie hatte in neuerer Zeit eine Gestalt angenommen, welche ganz geeignet war, einer Generation zu gefallen, welche der Monarchie wie dem Laster mit gleichem Eifer ergeben war. Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren und glänzenderen Sprache, als je ein anderer metaphysischer Schriftsteller sie gebraucht, die Behauptung aufgestellt, der Wille des Fürsten sei der Maßstab für Recht und Unrecht, und jeder gute Unterthan müsse bereit sein, auf Befehl des Königs zum Papstthum, Mahomedanismus oder Heidenthume überzutreten. Tausende, welche das wirklich Gediegene in seinen Ansichten nicht zu würdigen verstanden, begrüßten freudig eine Theorie, welche zu gleicher Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die Bande der Moralität lockerte, und die Religion zu einer bloßen Staatsangelegenheit herabwürdigte. Der Hobbismus wurde bald ein wesentlicher Bestandtheil des Charakters eines vollendeten Gentleman. Die leichteren Zweige der Literatur erhielten einen starken Anstrich von der herrschenden Sittenlosigkeit; die Dichtkunst wurde eine Kupplerin der gemeinsten Begierden; der Witz, anstatt Schuld und Irrthum zu züchtigen, wandte seine verletzenden Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit. Die wiederhergestellte Kirche machte zwar einen Versuch gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, aber es geschah ohne alle Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich die Würde ihres Charakters es erheischte, die irrenden Kinder zu ermahnen, so geschahen diese Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre ganzen Kräfte concentrirten sich in der Absicht, die Puritaner zu vernichten, und ihre Jünger zu zwingen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. Sie war beraubt und niedergehalten worden durch die Partei, welche strenge Sittlichkeit predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu Ehren und Ansehen gebracht. Ob auch die Männer der Lust und Mode nicht geneigt waren, ihre Lebensweise nach den Vorschriften der Kirche einzurichten, so ließen sie sich doch jeden Augenblick willig finden, für ihre Kathedralen und Paläste, für jeden Buchstaben ihrer Gesetze und jeden Faden ihrer Gewänder bis an die Knie im Blute zu kämpfen. Der ausschweifende Edelmann besuchte zwar Bordelle und Spielhäuser, aber er mied wenigstens die Conventikel; wenn auch sein Mund nur gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so machte er das einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und Howe in den Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten hatten. So bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem Eifer, der ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die Zweideutigkeiten Ethereges und Wycherley’s wurden in Anwesenheit und mit besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in weiblichen Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der Verfasser von des „Pilgers Reise“ für das Verbrechen, den Armen das Evangelium verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine feststehende und lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die politische Macht der anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Moral der Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.
Verworfenheit der Politiker. [Kaum] ein Rang und Beruf entging der Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, welche sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht den schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht blos unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen, versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen, wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht, muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick, den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines alten Polizeimannes, welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen aufzufinden versteht, oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern eine Spur verfolgt.