Bei Staats­männern von derartiger Bildung wird man aber freilich nur selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit. Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind zu erhalten, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich angelegen sein lassen zu verbessern. Es giebt im Staate nichts, zu dessen Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse und ohne Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen und seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und Verkehrtheit; die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich mit dem Wohle der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des Zufalls und der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein Landgut, eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber auch durch eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der Ehrgeiz, welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe Tugend ist, wird jetzt, jedem edleren und menschen­freund­licheren Gefühle entfremdet, eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die Habsucht. Unter den Staats­männern, welche von der Restauration bis zum Regierungs­antritt des Hauses Hannover sich an der Spitze der großen Parteien des Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr Wenige auffinden, deren Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, denen man in unserem Zeitalter die Namen von grober Untreue und Verdorbenheit geben würde. Es ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man sagt, daß öffentliche Männer ohne alle Grundsätze, welche in neuerer Zeit an den Staats­geschäften Theil genommen haben, als uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu werden verdienten, wollte man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts geltend war.

Zustand von Schottland. [Während] diese Veränderungen der Politik, Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die königliche Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der britischen Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die Restauration der Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich wurde das von Cromwell aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die Stände versammelten sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und die Senatoren des Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische Recht in der früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen Königreichs bestand mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem der König, so lange er England auf seiner Seite hatte, eine Unzufriedenheit in den anderen Gebietstheilen nicht zu fürchten brauchte. Er befand sich jetzt in solcher Lage, daß er den Versuch, der seinen Vater in’s Verderben stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen Schicksal fürchten zu müssen. Karl I. hatte es versucht, seine eigene Religion durch königliche Gewalt den Schotten zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion, als auch die königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht genug, daß ihm diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen, welche daraus entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben. Die Zeiten hatten sich geändert; England schwärmte für Monarchie und Prälatenthum, und deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem Menschenalter höchst unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr für den Thron wieder aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in Schottland eine bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber von jedem vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die Prärogative des Königs eingenommene schottische Staats­männer waren als Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch Gewissensfragen beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für die Religion ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den Herzen ihrer Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich gegen den Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte es ihnen an der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren, die ihren Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos und niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu verfolgen, welche sie in ihrem Gewissen für die reinste hielten. Die Einrichtung des schottischen Parlaments war der Art, daß es schwerlich selbst schwächeren Königen, als dem damals ziemlich machtlosen Karl, einen ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben würde. Das Episkopat ward daher durch Gesetze eingeführt, und was die Form des Gottesdienstes anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein weiter Spielraum bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische Liturgie an; in anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie diejenigen Gebete und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit nach dem Volke am wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber wurde am Schlusse des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang angestimmt und bei der Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß gesprochen. Der größte Theil des schottischen Volkes haßte die neue Kirche als eine abergläubische und ausländische, besudelt mit den Verderbnissen Roms, und als ein Zeichen der englischen Oberherrschaft. Trotzdem kam es zu keinem allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht mehr, das es vor zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und Fremdherrschaft hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie, welche bei den mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem Ansehen stand, hatte die Bewegung gegen Karl I. geleitet, gegen Karl II. zeigte sie sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen Puritaner konnte man nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei, geächtet durch Gesetz und öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich daher die Masse des schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des Gewissens, wohnten sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder derjenigen presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit finden lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht, den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten, Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die Unbilden, welche die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein neues und um so hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer Wohlthat geben wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper tödten, die schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie aus den Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und Gebirgen; wurden sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten sie der Gewalt unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel erschienen sie bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie wurden zwar ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen stählte sich nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre Gebeine zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu Zwanzigen aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten preisgegeben, morgen der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen, vertheidigten sie sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der kühnste und mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die Verzweiflung angefachten Muth zu fürchten.

Zustand von Irland. [So] war unter der Regierung Karls II. der Zustand von Schottland; aber Irland war nicht minder zerrüttet. Auf dieser Insel bestanden Fehden, welche sich mit den heftigsten Feindschaften der englischen Politiker nicht vergleichen ließen. Die Feindseligkeiten zwischen den irischen Cavalieren und den irischen Rundköpfen waren fast vergessen über der grimmigeren Feindschaft, welche zwischen der englischen und der celtischen Race wüthete. Die Kluft zwischen den Episkopalen und Presbyterianern verschwand, wenn man sie mit der verglich, welche Beide von den Papisten trennte. In den letzten bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des irischen Grundeigenthums von dem unterjochten Volke auf die Sieger übergegangen. Auf die Gunst der Krone konnten sowohl von den alten wie von den neuen Besitzern nur wenige Anspruch machen, denn die Plünderer wie die Geplünderten waren in der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde des Streites der beiden ergrimmten Parteien über entgegengesetzte Ansprüche und gegenseitige Beschuldigungen bald müde und überdrüssig. Diejenigen Kolonisten, unter welche Cromwell das eroberte Land vertheilt hatte, und deren Abkömmlinge man noch immer Cromwellianer nannte, gaben zu bedenken, daß die englische Nation unter jeder Dynastie, und die protestantische Religion in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das Heftigste angefeindet würde. Sie schilderten mit Übertreibung die Gräuel, welche den Aufstand von Ulster geschändet hatten, sie beschworen den König, die Politik des Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen, und schämten sich nicht es auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur dann bestehen könne, wenn der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt sein werde. Die Katholiken stellten ihr Vergehen möglichst gering dar und jammerten kläglich über die Härte ihrer Strafe, die auch in der That eben nicht gelind gewesen war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen zu verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer Theil der Schuldigen ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer Pflicht zurückgekehrt waren und seine Rechte gegen die Henker seines Vaters in Schutz nahmen. Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen keine auf seine Liebe Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof einen Vergleich, und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame, aber höchst praktische und energische System, durch welches Cromwell Irland durchweg englisch machen wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer veranlaßt, ein Drittel ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene Land wurde willkürlich unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die Regierung begünstigen wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche versicherten, daß sie sich keiner Illoyalität schuldig gemacht, und einzelne Personen, die sich rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste bewiesen zu haben, erhielten weder Zurückerstattung noch Entschädigung, und erfüllten Frankreich und Spanien mit lauten Klagen über die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Stuarts.

Die Regierung in England wird unpopulär. [Selbst] in England hatte um diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß, erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung, mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt. Die Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner, verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben, vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen, aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott, und nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief, daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die finstere Grübelei von „Preise Gott, Barebone“ der abscheulichen Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley’s vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte, dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man könne es einem Könige vergeben, wenn er seine Mußestunden durch Wein, Witz und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse des Staates vernachlässigt sowie der Staats­dienst und die Finanzen in Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und Schmarotzer sich bereicherten.

Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es auch immer den Übrigen ergehen möchte — wenigstens er für Alles, was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche Entschädigung erhalten, und der Herstellung der Monarchie die Verbesserung seiner eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde. Keiner von diesen Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth zurückzuhalten, als er sah, daß er unter der Herrschaft des Königs eben so arm war, wie zur Zeit des Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit des Hofes erregte den heftigsten Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie behaupteten nicht mit Unrecht, daß die Hälfte der Summen, welche der König an Concubinen und Hofnarren verschwende, die Herzen von vielen hundert alten Cavalieren erfreuen würde, welche, nachdem sie ihre Wälder gelichtet, und ihr Silbergeschirr eingeschmolzen, um seinem Vater zu unterstützen, jetzt in ärmlichen Kleidern herumgingen, und nicht wüßten, wie sie ihren Hunger stillen sollten.

Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund. Der Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld, welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen Günstlinge gewandert.

Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche Akt Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin Katharina von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber allgemein, und das Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte, daß der König muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde. Dünkirchen, das Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV., Frankreichs König, verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die Engländer beobachteten bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der französischen Macht, und betrachteten das Haus der Bourbons mit denselben Empfindungen, welche ihre Großväter gegen das Haus Österreich gehegt hatten. War es wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so gewaltigen Monarchie einen Zuwachs zu geben? — Außerdem ward Dünkirchen von dem Volke nicht nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel zu den Nieder­landen, sondern auch als eine Trophäe englischer Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war für die Zeiten Karls, was Calais einer früheren Generation gewesen, und was der Felsen von Gibraltar, — so ritterlich unheilvolle Jahre hindurch gegen die Flotten und Heere einer mächtigen Allianz vertheidigt, — für uns ist. Die Rücksicht auf finanzielle Ursachen wäre ein Entschuldigungs­grund gewesen, wenn ihn eine sparsame Regierung geltend gemacht hätte; es war aber kein Geheimniß, daß die Kosten, welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung erschienen gegenüber den Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und Thorheiten vergeudet wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der in allen seinen Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte, den Knauser spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes galt.

Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß, während man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die Festung Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit ungeheuren Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz knüpften sich keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe konnte in keiner Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde England in einen ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit halbwilden arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die Gesundheit und Kraft des englischen Volks höchst nachtheiligen Klima.

Krieg mit den Holländern. [Das] Murren aber, welches diese Fehlgriffe hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten Geschrei, das bald darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg mit den Vereinigten Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit größter Bereitwilligkeit unerhörte Summen, größer als die, welche die Flotten und Heere Cromwells zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in aller Welt gefürchtet war. Die Verschwendung, Unredlichkeit und Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so groß, daß diese Freigebigkeit sich schlimmer als nutzlos erwies. Die feigen Höflinge, ohne alle Befähigung den großen Männern entgegenzutreten, welche damals die holländischen Waffen befehligten, — einem Staatsmann, wie de Witte, und einem General wie de Ruyter — suchten sich schnell zu bereichern, während die halbverhungerten Matrosen in Empörung ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe leck und ohne Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive aufzugeben; aber sehr bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen Verwaltung selbst ein Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die holländische Flotte lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham sämmtliche Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage dieser harten Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei Tafel gesessen, und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale herumzujagen. Das Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte Anerkennung. Überall rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und seinen Patriotismus. Man erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft alle auswärtigen Mächte vor Englands Namen gezittert hatten, wie die jetzt so kecken Generalstaaten sein Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der Nachricht von seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer Errettung aus großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen umherliefen, vor Freude jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst Royalisten erklärten unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch zu bewerkstelligen, daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen rufe. Bald fühlte die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade. Feuerungsmaterial war kaum zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth mit männlichem Muthe gegen Spanien und Parma schnöden Spott geschleudert, wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber auch das letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze vernahmen. Im Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim Anrücken des Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse die Straßen, und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die Paläste und Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es erhielt ganz den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion auch einen Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog allerdings bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz abweichend von denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch einmal kehrte der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso gereizten und niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des Schiffsgeldes.

Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als hundert­tausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen seine Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande Roms unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen Aschenhaufen verwandelte.