Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren Ehrgeize, hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe nicht Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er hatte einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für seine Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß alle Revolutionen sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über ein Glück, welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so dauernd anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und verglich ihn mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß sein Rath gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt hätte.
Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls I. an das englische Parlament schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den guten Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls I. verachtete und noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern vorzog.
Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley’s und Lauderdale’s wagte man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und Arlington. Diese beiden Staatsmänner nahmen Partei für die alte Kirche, welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald darauf ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle Arlington verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit abzwang. Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu täuschen, und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt hatte. Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit Frankreich in’s Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen.
Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den letzten englischen Staatsmännern gehörten, welche die ernstliche Absicht hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die ersten englischen Staatsmänner, welche dasselbe zu bestechen versuchten, und ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von Straffords „Durch“ und die erste Spur von jener systematischen Bestechung, welche nach der Zeit Walpole’s ausgeübt wurde. Sehr bald erkannten sie aber, daß, obgleich das Haus der Gemeinen fast durchgängig aus Cavalieren bestand, und französisches Gold und Stellen an die Mitglieder verschwendet wurden, doch keine Aussicht war, auch nur die am wenigsten gehässigen Punkte des Vertrags von Dover durch die Majorität unterstützt zu sehen; man mußte also nothwendig zum Betrug greifen. Der König heuchelte daher großen Eifer für die Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den französischen Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei. Die Gemeinen ließen sich fangen, und bewilligten achthunderttausend Pfund. Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle entledigte Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen Planes.
Zahlungseinstellung der Schatzkammer. [Die] finanziellen Verlegenheiten waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte ungeheure Kosten erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben nur hin, um die Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die achthunderttausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt hatte, waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch nur auf ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre, die das Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht, wieder ein Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit empfahlen Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem öffentlichen Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht blos Handel mit edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren daran gewöhnt, der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche Darlehen sie Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der Steuererhebung mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine Million und dreihunderttausend Pfund der Ehre des Staates anvertraut worden. Da erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es nicht möglich sei, das Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich mit den Zinsen begnügen müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren eigenen Verpflichtungen nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr, mehrere große Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen über die ganze Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus entgegen. Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf.
Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben. [Wenige] Tage nach dem Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den Vereinigten Provinzen der Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer mit Ehren, zu Lande aber wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche Gewalt bezwungen. Ein großes französisches Heer ging über den Rhein, eine Festung nach der andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von den sieben Provinzen des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von dem Dache des Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von außen so hart bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten heimgesucht. Die Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen Oligarchie mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter Stadträthe, welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetätsrechte ausübten; diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten, und die Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser Staatseinrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich unbestimmte Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen. Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war, betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung, ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich mit einem fast königlichen Glanze.
Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer bürgerlicher Unruhen, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie befanden sich einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt wurde unter die Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten vertheilt.
Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter Karls I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm und die Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide Grundlage zu geben.
Wilhelm Prinz von Oranien. [Dieser] Prinz mit dem Namen Wilhelm Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge für die zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit für die Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens, als das Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa’s, als ein souverainer Fürst des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem Geblüte Englands, vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der batavischen Freiheit, genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige Amt, welches seine Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht wieder besetzt, und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte nie wieder ein Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten Magistratsperson vertrat zum großen Theile der Großpensionair der Provinz Holland, Johann de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und Redlichkeit ihn zu einem hohen Ansehen im Rathe der municipalen Oligarchie erhoben hatten.
Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung hervor. Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar gegen die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten Heerführer und die geschicktesten Staatsmänner der Regierung her. De Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von Oranien war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser Gelegenheit, sowie zwanzig Jahre später bei einer anderen beklagenswerthen Veranlassung, beurtheilte er die Verbrechen, welche in seinem Interesse verübt wurden, so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm befleckt wurde. Er trat ohne Nebenbuhler an die Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein feuriger unbeugsamer Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren Außenseite verborgen, gar bald den Muth seiner zagenden Landsleute. Jeder Versuch seines Oheims, sowie des französischen Königs, ihn durch die glänzendsten Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu machen, war vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine schwungreiche, begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen Vorschlag zu machen, der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte, und der, wenn er zur Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein Epos sein würde, der im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er erklärte den Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr Heimathsland und die Wunder, mit denen menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean verschlungen wären, noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten Holland überleben; Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch von Tyrannen und Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens entferntesten Inseln eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den Häfen der Republik ankerten, würden ausreichen, um zweihunderttausend Auswanderer nach dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die holländische Republik ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter dem Kreuze des Südens, umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die Börse eines reicheren Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren Leyden errichten. Der Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die Bedingungen, welche die Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen, die Dämme wurden durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren See verwandelt, aus dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie Inseln hervorragten. Die Feinde retteten sich nur durch den eiligsten Rückzug vor Vernichtung; Ludwig aber, welcher es zuweilen für vortheilhaft hielt, sich an der Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch einen Palast bequemer fand als ein Kriegslager, war bereits heimgekehrt, um in den neuangelegten Alleen von Versailles sich der Schmeicheleien der Dichter und des Lächelns seiner Damen zu erfreuen.