Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu schließen und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu diesem Kriege bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig weigere, auf annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun jeden Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der Aufrichtigkeit seines Hofes.

Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte er daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen.

Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre 1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite gelegt.

Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby’s innere Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa’s einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten — diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes Vernehmen mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten.

So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn, eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur die Augen zudrücken, sondern auch — obgleich mit Verdruß und Widerstreben — dabei mitwirken.

Verwickelte Lage der Vaterlandspartei. [Mittlerweile] wurde die Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten. Diejenigen Geschichts­chreiber, welche sich über diese Unbeständigkeit mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die gehörige Rücksicht auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu haben, welche von dem Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige sich mit einer auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer Freiheiten. Ihm militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat wehrlos machen; gab man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht gegen den Staat. Bei solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit nicht als Beweis von Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche betrachtet werden.

Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft. [Dieser] Argwohn wurde von dem französischen König eifrig genährt. Er hatte England geraume Zeit in Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen das Parlament zu unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die beunruhigende Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby’s im Cabinet Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron zu hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in einem, aber auch nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem tiefen Mißtrauen gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung erhalten können, daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich im Sinne hatte, so würde sie ihn auf’s Eifrigste unterstützt haben. Hätte Ludwig die Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der Verfassung von England galten, so würde er sie nicht zu verhindern gesucht haben. Die Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit waren so groß, daß die französische Regierung und die englische Opposition — sonst in allen Ansichten von einander abweichend — wenigstens darin übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu trauen sei, und beide den Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu lassen. Es fanden Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem französischen Gesandten, und solchen englischen Staats­männern, welche stets Abneigung und Furcht vor dem französischen Übergewicht gezeigt und in der That auch aufrichtig empfunden hatten. Das redlichste Mitglied der Vaterlandspartei, Lord Wilhelm Russel, Sohn des Earl von Bedford, besprach sich unbedenklich mit einem fremden Gesandten zu dem Zweck, seinem eigenen Souveraine Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging Russels Fehltritt. Seine Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen erheben ihn über den Verdacht schmutziger Absichten; allein man hat nur zu viel Grund anzunehmen, daß mehrere seiner Verbündeten weniger Bedenklichkeit zeigten. Man würde ihnen Unrecht thun, wollte man sie der Nieder­trächtigkeit beschuldigen, Geld angenommen zu haben, um ihrem Vaterlande zu schaden, sie meinten ihm im Gegentheil nützlich zu sein; es ist aber nicht in Abrede zu stellen, daß sie unehrenhaft und unzart genug waren, von einem fremden Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß sie dem eigenen Lande dienten. Einer von denen, welche diese erniedrigende Anklage mit Recht trifft, war ein Mann, der nach der Meinung des Volkes der personifizirte Gemeinsinn war, und welcher trotz einiger großen moralischen und geistigen Schwächen mit Recht ein Held, ein Philosoph und ein Patriot genannt zu werden verdient. Es erregt schmerzliche Empfindungen, einen derartigen Namen auf der Liste der Pensionaire Frankreichs zu finden, und doch liegt einiger Trost in dem Gedanken, daß in unserer Zeit ein öffentlicher Charakter der nicht einer Versuchung widerstände, welcher die Tugend und der Stolz Algernon Sidney’s unterlagen, als alles Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet werden würde.

Frieden von Nimwegen. [Die] Folge dieser Intriguen war, daß England, wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung zeigte, unthätig blieb, bis der continentale Krieg nach fast siebenjähriger Dauer 1678 durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. Die Vereinigten Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens stehend, erlangten ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit genauer Noth dem Untergange entrannen, wurde allgemein der Geschicklichkeit und Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. Er besaß in Europa einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den Engländern, welche ihn als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und denen es Freude machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu sehen. Frankreich erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die bedeutende Provinz Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber hatte fast den ganzen Verlust zu tragen.

Große Unzufriedenheit in England. [Kaum] waren die Feindseligkeiten auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine große Krisis in der englischen Politik ein, welche durch den Gang der Verhältnisse seit bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das ganze Capital von Popularität, welches der König beim Antritt seiner Regierung besaß, war verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe Abneigung gefolgt. Die öffentliche Meinung war die Strecke zurückgegangen, die sie zwischen 1640 und 1660 durchlaufen hatte, und befand sich noch einmal auf demselben Standpunkte, den sie einnahm, als das Lange Parlament zusammentrat.

Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der verschieden­artigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war verletzter Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie es, auf gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über Holland und Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der Schutzgeist des protestantischen Europa’s war. Seine Hilfsquellen waren nicht schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem Scepter eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam seiner Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so hervorragend dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, der mit größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk niederzuhalten hatte. Und doch war es durch die Schwäche und Erbärmlichkeit seines Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche oder italienische Ländchen, welches fünftausend Soldaten in’s Feld schicken konnte, ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa’s bildete.