Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu; man raunte sich sogar in’s Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige, die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!

Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria’s, Unmenschlichkeiten, die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer wieder neue Nahrung erhielt.

Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel, hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in frischem Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem Hasse gegen den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn Jahre, welche seit der Restauration verflossen waren, hatte die Feindseligkeit gegen den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung gegen das Papstthum gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des Vertrags von Dover nur Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen doch laut genug geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer, vernichtender Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle. Viele hatten den König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder und muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die erste Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte darauf, trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die Prinzessin Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus dieser Ehe Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als Katholiken erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten auf dem Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende Staats­kirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen; der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte, war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen, wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.

Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand Alles in Flammen.

Danby’s Sturz. [Der] französische Hof, welcher Danby als seinen bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn dadurch zu stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig bewies dem Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von Montague, eines unredlichen, schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich gewesen war, daß der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich betheiligt, welches der Hof von Whitehall an den von Versailles gerichtet. Diese Entdeckung hatte ihre berechneten Folgen, indem der Schatzmeister, nicht seiner Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, nicht als Theilhaber an einer strafbaren Verhandlung, sondern als entschiedener Gegner derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim fiel. Seine Zeitgenossen kannten die Umstände nicht, welche in den Augen der Nachwelt die ihm zur Last gelegte Schuld so sehr verringert erscheinen lassen, sie sahen in ihm einen Mäkler, welcher England an Frankreich verkauft hatte. Seine Größe war offenbar vorüber, und sein Kopf in nicht geringer Gefahr.

Die papistische Verschwörung. [Die] Aufregung, welche die erwähnte Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu der heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes papistisches Complot entdeckt worden. Ein gewisser Titus Oates, Geistlicher der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen Vorgesetzten gezwungen worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und heterodoxer Lehre seine Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein lasterhaftes und unstätes Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken bekannt und auf dem Kontinent einige Zeit in englischen Kollegien des Jesuitenordens zugebracht. In diesen Seminarien hatte er viel wirres Geschrei vernommen über die geeignetsten Mittel, England wieder in den Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm hier geworden, setzte er nun einen schauderhaften Roman zusammen, der mehr den Phantasieen eines Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich jemals in der Wirklichkeit zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte die Regierung Englands den Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten durch Bestallungen, ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft, katholische Priester sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den höchsten Posten in Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die Papisten London niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch dazu gemacht, und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der Themse anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die Protestanten herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine französische Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden Staats­männer und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, und zur Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er sollte erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden, und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.

Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die Anschuldigung Oates’ zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus, welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war. Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens enthalten haben müßten.

Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten Nachforschungen entdeckte man Godfrey’s Leichnam auf einem Felde in der Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind ermordet worden; am unwahr­schein­lichsten aber ist die Annahme, die dem Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der Verschwörungs­geschichte einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen scheint die Annahme am richtigsten zu sein, daß einige erhitzte Katholiken durch die lügenhaften Beschuldigungen Oates’ und die Beleidigungen der Menge zur höchsten Wuth gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der schuldlosen Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache ausübten, von der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele Beispiele darbietet. Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer späteren Zeit seine Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die Hauptstadt und die ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die Strafgesetze, welche in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren, wurden von Neuem verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser zu durchsuchen und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren mit Katholiken angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im Belagerungs­zustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen; Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren, Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die Königin wurden beschlossen. Einen Staats­secretair ließen die Gemeinen in’s Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse Personen, welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, den Lord Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie vergaßen die während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre soweit, daß sie einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den Händen des Königs zu entreißen. In solchem Zustand hatte eine achtzehnjährige schlechte Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England bestanden hatte.

Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen Allianz an’s Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des Jahres 1679 aufgelöst. — Es hatte seit Anfang des Jahres 1661 bestanden, — und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.

Erste allgemeine Wahl von 1679. [Während] mehrerer Wochen wurde der Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln, um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher, um den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt hatten.