Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen, Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um’s Leben zu bringen. Einer wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen um’s Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit, unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch. Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den größeren Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten. Männer wie Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze Sache ein Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem verhärteten Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so gleichgültig, als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter dem Einflusse der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten, und wurden von der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall, schrie und lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten auftraten und jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen ward. Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres früheren Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem Vorurtheile befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so eher gegen die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens behaupteten sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen weggezogen ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß ein guter Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente, nicht nur als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe.

Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen. [Während] unter der Form der Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand der Dinge blickten. Die Anklage Danby’s wurde wieder aufgenommen. Er bat um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt, daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne ausschließe.

Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder, dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte, veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige. Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen einstimmte.

Temple’s Regierungs­system. [In] dieser höchsten Bedrängniß nahm der König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen Staats­männern jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen Mannes erhalten. Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich geweigert, an der Politik der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet die Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller Zurückgezogenheit geblieben. Auf den Ruf Danby’s war er aus seiner Einsamkeit hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und England vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der Vermählung der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von Oranien, entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen Guten, das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den vielen Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm keines zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht streng, war anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war nicht möglich ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte allerdings an dem Charakter dieses vortrefflichen Staats­mannes: seine Vaterlandsliebe besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche Ruhe und Würde ging ihm über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger Furcht vor jeder Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren nicht geeignet, ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu lassen. Er war fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente gesessen zu haben, und seine Geschäfts­erfahrungen hatte er fast ausschließlich fremden Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für einen der ersten Diplomaten Europa’s, aber die Talente und Fertigkeiten eines Diplomaten sind himmelweit verschieden von denjenigen, welche einen Staatsmann befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu leiten.

Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungs­grundsätze nachgedacht, und sein geistiger Blick war durch Geschichts­studien und Aufenthalt im Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer als die meisten seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten erkannt zu haben, welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der englischen Staats­verfassung fing an, sich zu verändern, das Parlament erhob, wenn auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über die der Prärogative. Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der executiven Gewalt war in der Theorie so genau abgemessen wie jemals, aber in der Praxis schwand sie mehr und mehr. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König selbst seine Minister zu wählen; das Haus der Gemeinen aber hatte nach einander Clarendon, die Cabale und Danby von der Leitung der Staats­geschäfte entfernt. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden; er war durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden, Frieden mit Holland zu schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben, Krieg mit Frankreich zu beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand dem Könige allein die Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um Begnadigungen handelte; er hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause der Gemeinen, daß er es nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten, von denen er gar wohl wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids fielen. Es scheint, daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre unzweifelhaft verfassungs­mäßigen Gewalten zu belassen, und sie zugleich, wenn möglich, zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der ausübenden Verwaltung zu thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen den Landesherrn und das Parlament einen Körper zu stellen, welcher im Stande wäre, die Heftigkeit ihres Zusammenstoßes zu mildern. Es existirte ein altes, ehrenwerthes, von dem Gesetze sanctionirtes Institut, das nach seiner Meinung zu diesem Zwecke umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem Geheimen Rathe einen neuen Charakter und eine neue Bestimmung in der Verfassung zu verleihen. Die Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt, funfzehn davon sollten die ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege und der Kirche sein, die anderen funfzehn sollten aus Adeligen und Herren bestehen, die sich in keinem Amte befanden, aber ein großes Vermögen besaßen und eines hohen Ansehens genossen. Ein engeres Kabinet sollte nicht bestehen. Diese dreißig sollten mit allen Staats­geheimnissen betraut und zu jeder Versammlung berufen werden, der König aber sich verpflichten, bei allen Gelegenheiten ihrem Rathe Folge zu leisten.

Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf alle Theile der executiven Verwaltung zu richten.

Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft, um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente, sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen. Und doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug.

Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein; auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt. Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax, und Robert Spencer, Earl von Sunderland.

Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es zu sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche auch für den Staat günstig wäre.

Charakter des Halifax. [Halifax] war unter den Staats­männern jener Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war fruchtbaren, hellen und umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche und lebendige Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines Sprachorgans, war der Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war reich an Gedanken, Phantasie und Witz, und seine politischen Abhandlungen sind es werth, wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes studirt zu werden, und berechtigen ihn in vollem Maße, unter den Klassikern Englands genannt zu werden. Mit der Bedeutung, zu der so große und vielseitige Talente ihn erhoben, vereinigte er den ganzen Einfluß, den Rang und Reichthum verliehen. Doch hatte er in seinem politischen Wirken weniger glückliche Erfolge als Andere, welche sich nicht so bedeutender Vorzüge rühmen konnten. Und in der That hinderten ihn die genialen Eigenthüm­lichkeiten, welche seinen Schriften so hohen Werth verleihen, sehr oft in den Streitigkeiten des praktischen Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des Tages nicht immer aus dem Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem darstellen, der an ihnen lebhaften Antheil nimmt, sondern aus dem, in welchem sie nach Jahren dem philosophischen Schriftsteller erscheinen. Bei dieser Richtung des Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend einem Vereine von Männern im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile, alle Übertreibungen der beiden großen Parteien erregten seinen Spott; er verabscheute die elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der Demagogen; aber er verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht und dem passiven Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er über die Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der Hofkirche. Es war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der Heiligen und Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen könne, weil er solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das, was man in neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er Republikaner. Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung des verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab, durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu sein.