Er war das Haupt derjenigen Staats­männer, welche die beiden großen Parteien verächtlich „Trimmer“ nannten; anstatt aber über diesen Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel, und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. „Das Gute hält zwischen den Extremen die Mitte“, pflegte er zu sagen. „Die gemäßigte Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden, und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt, ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung zu stören.“[4] So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es aber auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war scharf, skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend, sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte. Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl wie der Tories geworfen hat.

Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und dadurch das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß er nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich, er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus diesem Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die Seite der Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz frei von Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel, und man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete.

[4.] Man wird erkennen, daß ich Halifax für den Verfasser, oder wenigstens für einen der Verfasser der Schrift: „Character of a Trimmer“ halte, welche eine Zeitlang seinem Vetter Sir William Coventry zugeschrieben wurde.

Charakter Sunderlands. [Sunderland] war Staats­sekretair. Dieser Mann war ein verkörpertes Bild der politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit. Er besaß einen durchdringenden Verstand, ein geschäftiges, boshaftes Temperament, ein fühlloses Herz und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter hatte eine Schule von Lastern durchgemacht, welche darin zur üppigsten Reife gediehen waren. Bei seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte er verschiedene Jahre auf auswärtigen diplomatischen Stationen zugebracht, und einige Jahre als Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder Beruf ist seinen besonderen Versuchungen unterworfen, und es wird Niemand in seinem Rechte verletzt, wenn man behauptet, daß die Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von jeher durch ihre Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der sie sich des Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun haben, und durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder Gesellschaft, in der sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr ausgezeichnet haben, als durch edlen Enthusiasmus oder strenge Rechtschaffenheit, und die Beziehungen zwischen Karl und Ludwig waren von der Art, daß kein englischer Cavalier lange als Gesandter in Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen und redlichen Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen Schule, in der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei von jedem Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche Verbindung machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den Cavalieren gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und verdammten in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen trotzige englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet hätten. Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an republikanischen Staats­einrichtungen, das sich mit der vollkommenen Bereitwilligkeit vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug willkürlicher Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und Unterhändlern war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu durchschauen und auf ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte, die Gefühle der Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen vorauszusehen. Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge und erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus kannten, keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu widerstehen und seinen Versicherungen der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber bei seiner Anstrengung, Einzelne zu studiren und für sich einzunehmen, vergaß er die Stimmung des Volkes zu beobachten, weshalb er sich in Bezug auf die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede wichtige Bewegung und jeder Umschlag der öffentlichen Meinung überraschte ihn, und die Welt, der es unbegreiflich war, wie ein so ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht erkannte, die der Kaffeehauspolitik klar waren, hielt seine Maßregeln bisweilen für tief durchdachte Pläne, während es in der That nur gewaltige Fehler waren.

Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei Privat­unter­handlungen. Im königlichen Kabinet, sowie in kleineren Kreisen besaß er einen außerordentlichen Einfluß, in der Rathsversammlung aber war er schweigsam und im Hause der Lords kam kein Laut über seine Lippen.

Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben, mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung, daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament.

Prorogation des Parlaments. [Der] Tag dieser Prorogation, der 26. Mai 1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte, indem an demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung empfing. Seit der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen Freiheit der Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast dasselbe, was es zu unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines thatkräftigen Systems, und einer geschickten Handhabung desselben hatte es sich bis jetzt ohne Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht, sondern nur ein gutes gründliches Schutzmittel, und solches war die Habeas-Corpus-Akte.

Habeas-Corpus-Akte. [Der] König würde ohne Zweifel die Genehmigung dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er beabsichtigte über die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu appelliren, und durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht wagen, eine Bill zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär war.

An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei. In früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung des Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe zwar aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte.

Zweite Allgemeine Wahl von 1679. [Kurz] nach der Prorogation fand die Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht der Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen, und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone.