Popularetät Monmouths. [Als] Karl noch auf dem Continent als Wanderer lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches Mädchen kennen, welche zwar außerordentlich schön, aber dabei beschränkten Geistes und sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und bald darauf Mutter eines Sohnes, gegen dessen Echtheit ein eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken erhoben haben würde, denn die Dame hatte verschiedene Anbeter, und es wurde behauptet, daß sie gegen keinen derselben unerbittlich sei. Karl glaubte jedoch ihren Worten, und äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts, wie das Kind genannt wurde, eine ungemeine Zärtlichkeit, welche bei diesem kalten, sorglosen Charakter höchst überraschend erscheint. Bald nach der Restauration kam der junge Liebling, welcher in Frankreich die Erziehung eines vollkommenen Gentleman genossen, nach Whitehall. Er bezog eine Wohnung im Palaste, erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß verschiedene Bevorzugungen, welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu Theil geworden waren. Noch in zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna Scott, der Erbin des edlen Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen seiner Gemahlin an, und trat durch diese Verbindung in den Besitz sehr bedeutender Güter, so daß man das Vermögen, welches er besaß, auf nicht weniger als zehntausend Pfund jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde mit Titeln und Gunstbezeugungen, von einträglicherer Art als Titel, förmlich überschüttet. Man ernannte ihn zum Herzog von Monmouth in England, zum Herzog von Buccleuch in Schottland, zum Ritter des Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber der ersten Abtheilung der Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom Trent, und Kanzler der Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm dieses Glück. Er besaß ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von sanftem Gemüth und liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein Wüstling, gewann er doch die Herzen der Puritaner und wenn es auch allgemein bekannt war, daß er um den abscheulichen Angriff auf Sir John Coventry gewußt, wurde es ihm doch nicht schwer, die Vergebung der Vaterlandspartei zu erhalten. Selbst strenge Sittenrichter räumten ein, daß an einem derartigen Hofe von einem Kinde, das mit einem Kinde vermählt worden sei, strenge eheliche Treue sich nicht erwarten lasse, und selbst Vaterlandsfreunde entschuldigten den heftigen Knaben, der eine Beleidigung gegen seinen Vater mit übertriebener Rache vergalt. Bald aber wurde der Schatten, den Liebschaften und nächtliche Streiche auf seinen Charakter geworfen, durch ehrenvolle Handlungen verwischt. Als Karl und Ludwig sich gegen Holland waffneten, befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen, welche nach dem Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer Soldat und als tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der populärste Mann im Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der Krone, und selbst diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu sein. Die Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm und Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben, während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen. Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen. Es ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als Monmouth noch ein Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten gehalten wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern auch in Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König mit Lucie Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn Prinz von Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in welchem nach dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte. Als Monmouth aus den Nieder­landen heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war. Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet: sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten. Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten, Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen zu verfügen habe. Sein Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er nicht nur in seinem Wappen die Löwen von England und die französischen Lilien, jedoch ohne den linken Querbalken — nach der Heraldik ein Zeichen illegitimer Geburt — führte, sondern es sogar wagte, des „Königs Krankheit“ (Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu heilen. Zu gleicher Zeit verabsäumte er keinen Kunstgriff der Herablassung, der ihm die Liebe der Massen erwerben konnte. Er stand bei den Kindern der Landleute Gevatter, machte ländliche Lustbarkeiten mit, versuchte sich im Ringkampf oder mit dem Kampfstock und erreichte beim Wettlauf das Ziel eher in seinen Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in Schuhen.

Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in große Gefahr brachten. Als Eduard VI. gestorben war, erklärten sie sich für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts besaß, und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen, sondern auch der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der protestantischen Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten mit Elisabeth an der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu vereinigen. In derselben Art griff hundert­dreißig Jahre später ein Theil der Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte, nicht nur die Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens und ihrer Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der Prinzessin von Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch persönliche Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und reformirten Kirchen ausersehen waren.

Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor der Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke der Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem die Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig, daß sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen.

Temple’s Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben im königlichen Dienste.

In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden, war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei Staats­männer, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der Macht, den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen, zogen bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies Lawrence Hyde und Sidney Godolphin.

Lawrence Hyde. [Lawrence] Hyde war der zweite Sohn des Kanzlers Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von York. Er besaß vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische und diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine tiefe Nieder­geschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf, wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem Augenblick an, wo die Leiden­schaft­lichkeit in ihm die Oberhand gewann, war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten tief unter den seinigen standen.

Wie die meisten leitenden Staats­männer jener Zeit, war er ein consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt. Er besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern; namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger.

Er war Essex’ Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen werden, daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch nicht die Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es einen Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen, so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines Staats­sekretairs. Erst seit Walpole’s Zeit betrachtete man den ersten Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung.

Sidney Godolphin. [Godolphin] war als Page in Whitehall erzogen worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und Selbstbeherrschung eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war fleißig, besaß einen hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des Finanzwesens, daher war er für jede Regierung ein höchst brauchbarer Mann, in dessen Ansichten und Charakter sich nichts befand, was ihn hätte hindern können, irgend einer Regierung gute Dienste zu leisten. Karl pflegte von ihm zu sagen: „Sidney Godolphin ist niemals im Wege und niemals vom Wege.“ Diese treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge in Godolphins Leben.

Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an, ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staats­geschäfte übrig ließen, verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er saß jetzt unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und Kenntnisse sehr bemerkbar.